Wenn sich am Mittwoch um 21 Uhr (ARD und Magenta TV live) Argentinien und England im WM-Halbfinale gegenüberstehen, freuen sich Fußball-Fans weltweit auf ein großartiges Spiel. Doch für die beiden Länder ist es viel mehr – eine Mischung aus Sport und Politik, die vor allem in Argentinien tiefe Wunden und Leidenschaften weckt.
Der Falkland-Konflikt als Hintergrund
Grund für die besondere Rivalität ist der Konflikt um die Falkland-Inseln (spanisch: Islas Malvinas), eine Inselgruppe mit knapp 3000 Einwohnern im südlichen Atlantik. Seit 1833 von Großbritannien kontrolliert, beansprucht Argentinien die Inseln vor seiner Küste. Im April 1982 schickte die damalige Militärdiktatur Soldaten, um die Inseln zu besetzen und den britischen Gouverneur zu vertreiben. Die Aktion gelang zunächst, doch die Briten unter Margaret Thatcher reagierten mit militärischer Härte. Zweieinhalb Monate später kapitulierte Argentinien bedingungslos – eine militärische Demütigung, die bis heute eine offene Wunde im Land ist.
Der Anspruch auf die Malvinas ist in der argentinischen Verfassung verankert, und jede Regierung erneuert ihn öffentlich. Gedichte glorifizieren die Inseln, und in Buenos Aires erinnern große Monumente an die 649 gefallenen Soldaten des Krieges. Das WM-Stadion in Mendoza trägt seit 1982 den Namen „Malvinas Argentinas“. Als die Fifa es bei der U20-WM 2023 offiziell „Mendoza Stadium“ nannte, hagelte es Proteste. Der 2. April, Jahrestag der Besetzung, ist in Argentinien ein gesetzlicher Feiertag.
Einigkeit in der Malvinas-Frage
Ein argentinischer Freund sagte mir bei einem Besuch: „Wir streiten hier über alles – ob Boca oder River besser ist, bringen uns manchmal um. In der Innen- oder Wirtschaftspolitik findest du keine zwei Argentinier gleicher Meinung. Nur bei den Malvinas sind wir uns alle einig: Die gehören zu Argentinien.“
Diese Einigkeit zeigt sich auch in den Gesängen der Fans. Das Lied „Muchachos“, das bei der WM in Katar Berühmtheit erlangte, besingt die Malvinas gleich in der ersten Strophe. Videoaufnahmen aus der argentinischen Kabine nach dem 3:2-Sieg im Achtelfinale gegen Ägypten zeigen, dass auch die Spieler Lieder mit Malvinas-Bezug singen. Die Fifa hörte genau hin, entschied sich aber gegen Ermittlungen.
Die Hand Gottes und die Rivalität auf dem Platz
Wer an Argentinien gegen England denkt, denkt automatisch an die Hand Gottes von Diego Armando Maradona im WM-Viertelfinale 1986. Auch damals spielte der militärische Konflikt eine Rolle. Maradona sagte später: „Es war, als ob wir ein Land besiegen würden, nicht nur eine Fußballmannschaft. Irgendwie gaben wir den englischen Spielern die Schuld für alles, was passiert war. Für alles, was das argentinische Volk erlitten hatte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau so haben wir uns gefühlt.“
Das 2:1 der Argentinier 1986 ist übrigens der einzige argentinische Sieg bei fünf WM-Aufeinandertreffen. Das erste Duell 1966 war ebenfalls legendär – und hatte noch nichts mit den Malvinas zu tun. England gewann das Viertelfinale mit 1:0. Weil Argentinien-Kapitän Antonio Rattin sich ständig beim deutschen Schiedsrichter beschwerte, schickte dieser ihn vom Platz. Rattin weigerte sich zu gehen und musste von Polizisten abgeführt werden. Auf dem Weg in die Kabine zerknüllte er eine englische Fahne. Nach dem Spiel verhinderte England-Trainer Alf Ramsey einen Trikottausch und bezeichnete die Argentinier als „Tiere“. Als Konsequenz führte die Fifa wenig später Gelbe und Rote Karten ein.
Ausblick auf das Halbfinale
Ob die Rivalität am Mittwoch um ein weiteres unvergessliches Kapitel erweitert wird, bleibt abzuwarten. Fest steht: Das Spiel ist mehr als nur ein Halbfinale – es ist ein Symbol für eine historisch aufgeladene Beziehung, die weit über den Fußball hinausgeht.



