Vor fast genau 50 Jahren bestritt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erstmals ein Elfmeterschießen bei einem großen Turnier – im EM-Finale 1976 gegen die Tschechoslowakei. Die Spieler waren damals nicht einmal über die neue Regel informiert, und Uli Hoeneß schoss den Ball in den Nachthimmel von Belgrad, was die Niederlage besiegelte. Danach gewann Deutschland alle sechs folgenden Elfmeterschießen bei großen Turnieren – bis zum Montag im Achtelfinale der Weltmeisterschaft in Nordamerika. In Boston unterlag das DFB-Team nach 120 Minuten gegen Paraguay im Shootout mit 3:4.
Deutschland verliert seine Spezialdisziplin
Nicht einmal mehr im Elfmeterschießen, einst eine deutsche Spezialität, kann sich die Nationalmannschaft verlassen. „Deutschland ist nicht mehr Deutschland – zumindest im Fußball nicht“, kommentiert Stefan Hermanns. Die Turniermannschaft sei Geschichte. Dass das Team überhaupt erstmals seit dem WM-Finale 2014 wieder ein K.o.-Spiel bestreiten durfte, sei allein der Aufstockung des Teilnehmerfeldes geschuldet. Denn erneut schaffte es Deutschland nicht, unter die besten 16 der Welt zu kommen – wie schon 2018 in Russland und 2022 in Katar, als die Mannschaft bereits in der Vorrunde gescheitert war.
Tiefschwarze Serie trotz Aufstockung
In Boston setzte die Mannschaft ihre schwarze Serie fort. Gemessen an der Historie und dem eigenen Anspruch sei es sogar eine tiefschwarze, so Hermanns. Den von Bundestrainer Julian Nagelsmann vor zwei Jahren ausgegebenen Wunsch, 2026 Weltmeister zu werden, habe das gesamte Team inklusive des Trainers krachend verfehlt. Zwar sei die Niederlage im Elfmeterschießen unglücklich gewesen, und die aberkannte Führung durch Jonathan Tah (vermeintliches 2:1) sei eine zweifelhafte Entscheidung des Schiedsrichters gewesen. Doch nach diesem Turnier solle man nicht nach Ausflüchten suchen.
Mangelnde Souveränität und Formschwächen
Spätestens in der nächsten Runde gegen Frankreich hätte es nach den bisherigen Eindrücken nicht mehr gereicht. „Irgendwas hat uns immer gefehlt, auch heute wieder“, sagte Kai Havertz. Die Mannschaft habe ihren eigenen Anspruch nie untermauern können und nicht den Eindruck erweckt, etwas Besonderes zu haben. Zu viele Spieler seien ihrer Form hinterhergehechelt, und das Kollektiv habe zu viele Päckchen getragen. Auch Bundestrainer Nagelsmann habe in Amerika keine glückliche Figur abgegeben; seine Entscheidungen wirkten nicht immer stringent. Von der Souveränität vor dem Abflug in die USA sei bei den Niederlagen in den letzten beiden Spielen nicht mehr viel zu sehen gewesen. „Darin hat er sich am Ende dann nicht mehr von seiner Mannschaft unterschieden“, so Hermanns.



