Nach dem Verkauf von Tjark Ernst für fünf Millionen Euro nach Rotterdam ist Hertha BSC auf der Suche nach einem neuen Torwart. Doch im eigenen Kader gibt es gleich zwei Kandidaten, die sich für den Job anbieten: Marius Gersbeck und Tim Goller. Beide brachten im Test gegen Köln starke Leistungen – und das in Zeiten, in denen der Klub Geld für eine Verstärkung ausgeben will.
Warum die Torwartsuche überhaupt nötig wurde
Der lukrative Transfer von Tjark Ernst hat Herthas Kasse gefüllt, aber auch eine große Lücke hinterlassen. Der Hauptstadtklub ist auf der Suche nach einem neuen Schlussmann. Wunschkandidat Florian Kastenmeier (28) lässt die Berliner seit Wochen zappeln und bevorzugt offenbar einen Wechsel ins Ausland. Eine mutige Haltung für einen Keeper, der in der vergangenen Saison mit 53 Gegentoren in die 3. Liga abgestiegen ist. Die Bilanz macht nachdenklich.
Parallel bemühen sich die Verantwortlichen um Nikolas Polster (24) vom Wolfsberger AC. Für ihn müsste Hertha eine Ablöse zwischen 500.000 und einer Million Euro überweisen. Geld, das der Klub vielleicht besser in die Offensive stecken sollte. Schließlich ist die Torwart-Position bereits prominent besetzt – zumindest aus Sicht der eigenen Fans.
Marius Gersbeck: Der erfahrene Rückhalt mit starken Reflexen
Marius Gersbeck (31) hat seine Chance verdient. Vor drei Jahren wurde er als Nummer-eins-Anwärter vom Karlsruher SC nach Berlin geholt. Inzwischen bringt er es auf 102 Einsätze in der 2. Bundesliga – Erfahrung, die in einer anspruchsvollen Spielzeit unbezahlbar ist. Im Test gegen Köln (2:2) spielte Gersbeck überragend und entschärfte mit katzenartigen Reflexen mehrfach Großchancen. In Eins-gegen-Eins-Situationen zählt er zu den stärksten Keepern der Liga.
Warum also nicht einmal den eigenen Leuten vertrauen? Gersbeck kennt die Mannschaft, den Verein und die Erwartungen der Fans. Er ist reif für die Nummer eins und würde mit seiner Erfahrung der jungen Defensive Stabilität verleihen. Die Verantwortlichen tun sich offenbar schwer, ihm diese Rolle zuzutrauen – obwohl er sie sich längst verdient hat.
Tim Goller: Das Edel-Talent mit Libero-Qualitäten
Das gilt auch für Tim Goller (21). Der maximal talentierte Schlussmann schaut sich den Profi-Fußball seit drei Jahren von draußen an. Letzte Saison durfte er als dritter Keeper nur das Aufwärmen vor den Spielen begleiten. Für einen Keeper mit seinem Potenzial ist das zu wenig. Goller ist ein anderer Torwart-Typ als Gersbeck: Er agiert wie ein elfter Feldspieler, steht weit vor der Abwehr und spielt quasi als Libero. Seine präzisen Flugbälle sind eine Waffe in der Spieleröffnung.
Hertha sollte das Talent endlich einem realen Stresstest unterziehen. Goller hat das Zeug, sich langfristig als Stammkraft zu etablieren. Mit seiner Spielweise passt er ideal zu einer Mannschaft, die von hinten heraus aufbauen will. Packt er den Sprung, hat Hertha einen Keeper mit großer Zukunft – viel günstiger geht es nicht.
Die doppelte Lösung und die eigentliche Baustelle
Gersbeck und Goller – die doppelte Berliner Lösung hätte durchaus Potenzial. Gersbeck könnte als erfahrener Stammkeeper starten, Goller würde hinter ihm Druck aufbauen und nach und nach Verantwortung übernehmen. Beide kennen den Verein, die Stadt und die Erwartungen. Das ist mehr wert als ein teurer Neuzugang, der sich erst eingewöhnen muss.
Die knappen Finanzen sollte Hertha lieber in einen guten Mittelstürmer investieren. Das ist die Position, auf der Spiele gewonnen werden. Ein Stoßstürmer mit Abschlussqualitäten könnte der Mannschaft mehr helfen als ein weiterer Torwart mit ungewisser Perspektive. Der Berliner Weg muss also nicht in einer Sackgasse enden – wenn der Klub den Mut hat, auf die eigenen Leute zu setzen.



