Fast vier Monate hat der italienische Fußballverband (FIGC) gebraucht, um einen neuen Nationaltrainer zu finden. Am Ende fiel die Wahl auf Roberto Mancini – jenen Mann, der Italien 2021 zum EM-Titel führte, aber auch den Misserfolg bei der WM-Qualifikation 2022 zu verantworten hatte. Laut einem Kommentar von Jörg Leopold im Tagesspiegel ist Mancini jedoch keineswegs die erste Wahl, sondern eine Notlösung, die schon vor ihrem ersten Einsatz beschädigt sei.
Ein Wirrwarr an Kandidaten
Eigentlich wollte Verbandspräsident Giovanni Malagò, der erst Ende Juni ins Amt kam, Pep Guardiola verpflichten. Doch Guardiola lehnte ab, da er sich nach zehn Jahren bei Manchester City nicht bereit für eine neue Aufgabe fühle. Die Frage der Finanzierbarkeit stellte sich daher gar nicht. Als nächstes stand Carlo Ancelotti auf der Liste – allerdings ist der Italiener aktuell brasilianischer Nationaltrainer und damit nur eine theoretische Option. Auch Andrea Pirlo wurde ins Spiel gebracht, doch seine Verbindungen zu Russland wurden ihm zum Verhängnis: Pirlo ist Markenbotschafter eines russischen Wettanbieters und trainiert einen Klub in Dubai, der einem russischen Unternehmer gehört. Diese Verbindungen hatten Paolo Maldini und sein Berater Leonardo offenbar unterschätzt; beide traten nach nur 16 Tagen als Technischer Direktor beziehungsweise Berater zurück. Thiago Motta wiederum galt als zu unbedeutend für die große Fußballnation. „Dann eben Roberto Mancini“, schreibt Leopold.
Mancinis schwierige Vergangenheit
Mancini, der Italien 2021 zum Europameistertitel führte, scheiterte anschließend mit der Qualifikation für die WM 2022. Im August 2023 lockte ihn der saudi-arabische Fußball mit einem lukrativen Angebot – trotz laufenden Vertrags verließ er die Squadra Azzurra. In Saudi-Arabien hielt er sich nur 14 Monate; nach enttäuschender sportlicher Bilanz beendeten beide Seiten die Zusammenarbeit im Oktober 2024 einvernehmlich. Zuletzt trainierte er Al-Sadd in Katar und gewann die nationale Meisterschaft. Diese Erfolge sowie seine glorreiche Vergangenheit reichten offenbar, um ihn auf den Trainerstuhl zurückzuholen. An seiner Seite soll mit Claudio Ranieri ein weiterer erfahrener Trainer als Technischer Direktor agieren. „Hätte man da nicht gleich Gennaro Gattuso behalten können – und mit ihm Gianluigi Buffon als Delegationsleiter?“, fragt Leopold.
Chaos statt Aufbruchstimmung
Während der deutsche Fußball unter Bundestrainer Jürgen Klopp eine Aufbruchsstimmung erlebe und Verband sowie Fans geschlossen hinter ihm stünden, herrsche in Italien weiterhin Chaos, so Leopold. Mancini werde bereits bei den ersten Spielen Gegenwind spüren, wenn er nicht sofort liefere. Die Tatsache, dass überhaupt ein Trainer gefunden wurde, sei fast schon ein Erfolg – unabhängig von der Person. Doch unterschrieben ist der Vertrag noch nicht. Der neue Verbandspräsident Malagò verteidigte die Entscheidung am Dienstagnachmittag auf einer Pressekonferenz wortreich, doch der Eindruck bleibt: Mancini war nie die erste Wahl.



