René Wagner (38) hat den 1. FC Köln in der vergangenen Saison mit nur sechs Punkten aus sieben Spielen vor dem Abstieg gerettet. Nun soll er den Club in der Bundesliga etablieren. Im großen BILD-Interview gewährt der Kwasniok-Nachfolger Einblicke in seine Persönlichkeit, seinen Führungsstil und seine Privatleben.
Vom Regionalliga-Spieler zum Bundesliga-Trainer
Auf die Frage, ob er sich als Spieler selbst verpflichten würde, antwortet Wagner klar: „Auf keinen Fall! Ich würde sofort meine Leidenschaft für den Fußball verpflichten. Aber nicht meine Qualität und Athletik. Ich war nie der Beste, habe es nur bis in die Regionalliga geschafft. Das hatte auch den Grund, dass ich damals nicht reif genug war.“ Er sei kein Problem-Profi gewesen, „keiner, der Stunk gemacht hat“. Vielmehr sei er nicht der Typ gewesen, der nach dem Training noch lange blieb oder maximal auf seinen Körper achtete. „Ich war ja auch kein Profi, hab nebenher noch studiert, hatte andere Interessen, auch mal ne Uniparty unter der Woche. Deshalb habe ich früh gemerkt, dass es nicht dafür reichen wird, um damit mein Geld zu verdienen.“
Die Trainerentscheidung fiel später, als er in den USA war. Auf Hawaii studierte er Wirtschaftswissenschaften und Personalwesen – und war Co-Trainer an der Universität. „Die Zeit hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mein Glück versuchen wollte und am Ende über Florida, Miami und Paderborn im Profi-Fußball gelandet bin.“
Hawaii als prägende Erfahrung
Auf Hawaii lernte er auch seine Frau kennen. Warum er nicht in dem Paradies blieb? „Das ging nicht. Auf der Insel gab es genau einen Job. Cheftrainer an der Uni, an der ich war. Aber davon hätte ich nie leben können.“ Die Erfahrungen in den USA und seine Trainerausbildung in England helfen ihm heute im Job, besonders im Umgang mit Menschen. „Ich versuche jeden zu verstehen und mich erst mal in den anderen hineinzuversetzen. Wir sind in Deutschland oft zu strikt und festgefahren, hängen zu sehr an unserer eigenen Sichtweise.“ Ein Beispiel: „Auf Hawaii war keiner jemals pünktlich. Das war für mich total frustrierend, weil ich immer da war. Alle anderen kamen aber zu spät und es hat keinen gejuckt. Da habe ich gemerkt, dass andere Kulturen und Nationen auch andere Werte haben.“
Strafenkatalog: Unpünktlichkeit und Pfandflaschen
Wagner hat klare Regeln, aber lässt auch mal ein Auge zudrücken. „Wir haben eine klare Vorstellung, wie wir in der Mannschaft miteinander umgehen und auf welche Dinge wir achten wollen. Und dafür gibt es Regeln. Abgesehen davon muss man auch mal abwägen, ob man auch mal ein Auge zudrückt.“ Dennoch handelte er letzte Saison knallhart, als er mit Simpson-Pusey und Chavez zwei Spieler aus dem Kader warf, weil sie vor Spielen nicht pünktlich waren. „Pünktlichkeit ist eine klare Regel. Da gibt es auch keine Grauzone. Da wird knallhart gehandelt.“ Weitere No-Gos: „Wenn in der Sitzung ein Telefon klingeln würde. Oder eben am Spieltag zu spät zu kommen.“ Der interne Strafenkatalog umfasst auch zusätzliche Regeln: „Es gibt zum Beispiel eine Strafe, wenn ein Spieler ungeduscht ins Kältebecken geht oder für die Pfandflaschen im Gebäude, wenn sie stehen bleiben, halb voll sind oder im Müll landen.“
Führungsstil: Streng, aber menschlich
Auf die Frage, ob er eher streng oder der Kumpeltyp sei, antwortet Wagner: „Ein Mix ist mir wichtig. Da, wo es darauf ankommt, gehe ich knallhart dazwischen. Aber die Jungs können mit mir gern auch mal einen Spaß machen oder mich wie hier in Kitzbühel ins Wasser schmeißen. Sie sollen wissen, dass sie mit mir reden können und eine möglichst enge Bindung aufbauen, weil ich glaube, dass sie mir dann auch eher mal verzeihen, wenn ich hart sein muss.“ Diese enge Bindung hat er besonders zu Top-Talent Said El Mala (19). Auf die Frage, ob er Angst habe, dass der Star noch geht, sagt er: „Ich mache mir gar keine Gedanken darüber. Wenn es passiert, passiert es. Ich habe auch der Mannschaft gesagt, wir dürfen uns keine Gedanken über Dinge machen, die wir nicht beeinflussen können.“ Er fügt hinzu: „Wenn ihn uns jemand wegnimmt, dann gibt uns derjenige auch sehr viel dafür zurück. Aber nochmal: Ich kann Said nur das bestmögliche Umfeld bieten und ihn gut behandeln. Und ich glaube, er hat gerade maximal Spaß bei uns und denkt nicht im Geringsten daran, hier wegzugehen.“
Kein Kontakt zu Kwasniok
Wagner startete letzte Saison als Co-Trainer von Lukas Kwasniok (44). Heute haben beide keinen Kontakt mehr. „Nein. Ich habe einmal den Kontakt gesucht. Ohne Erfolg.“ Macht er bewusst alles anders als sein Vorgänger? „Nein, gar nicht. Ich versuche einfach, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich will weder so sein wie jemand anderes noch das genaue Gegenteil. Ich will eine Gruppe formen, in der jeder Spaß am Arbeiten hat.“
Privat: Technik-Gadgets und Serienabende
Wie belohnt er sich selbst? „Klingt platt, aber meine Belohnung ist der Job. Und mein Geschenk zum fixen Trainervertrag war im Grunde die Tatsache, dass wir unseren Sommerurlaub genießen konnten und ich nicht auf Jobsuche gehen musste. Ansonsten bin ich schlecht bei Geschenken, weil ich mir eigentlich alles selbst kaufe, was ich haben will.“ Zuletzt kaufte er sich „eine Fotodrohne für den Bali-Urlaub und ein Notepad für Notizen. Technik-Gadgets sind meine Schwäche.“ Fußball ist zu Hause nicht immer Thema: „Meine Frau versucht sich einzuarbeiten, ist super interessiert und will immer alles wissen, jeden nächsten Schritt, wen wir holen oder ob Gerüchte stimmen – ähnlich wie ihr (lacht). Mir fällt es etwas schwer, weil ich zu Hause lieber abschalte und wir TV-Serien gucken.“ Aktuell laufen bei ihm „Suits“ und „Drive to survive“.



