Nur einen Tag nach dem Ausscheiden bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist die deutsche Nationalmannschaft in die Heimat zurückgekehrt. Mit an Bord ihres Flugzeugs befand sich auch die Debatte über die Zukunft des Bundestrainers. Öffentlich geäußert hat sich vor dem Abflug niemand mehr aus der Führung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Eine abschließende Pressekonferenz fand nicht statt. Erst nach der Landung in Deutschland äußerte sich der DFB-Präsident. „Es kommt jetzt darauf an, dass wir nicht in Hektik oder Aktionismus verfallen“, sagte er.
Historischer Rückblick: Löw trotzte 2018 dem Druck
Acht Jahre ist das her. Die Deutschen waren bei der WM in Russland gerade in der Vorrunde ausgeschieden, der Bundestrainer hieß Joachim Löw, der Präsident des Verbandes Reinhard Grindel – und gemeinsam trotzten sie dem öffentlichen Druck. Löw ging erst einmal auf Tauchstation und fünf Tage in sich, ehe er dem erleichterten DFB mitteilte, dass er als Bundestrainer weiterzumachen gedenke.
Das Scheitern der Nationalmannschaft in Russland war noch dramatischer als das Scheitern der Nationalmannschaft jetzt in den USA. Sie war als Titelverteidiger zum Turnier gereist und erstmals in der ruhmreichen Historie des DFB nicht über die Vorrunde hinausgekommen. Trotzdem schaffte es Joachim Löw, sich im Amt zu halten. Das könnte bei seinem Nachfolger Julian Nagelsmann anders sein.
Nagelsmann unter Druck: Kritik nach WM-Aus
Nagelsmann hat das peinliche Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay und einen insgesamt zähen Vortrag seiner Mannschaft bei der WM in Amerika zu verantworten. Anders als Löw aber, der 2018 tatsächlich zunächst mit Rücktrittsgedanken gespielt hatte, hat Nagelsmann gleich nach dem Ausscheiden verkündet, dass er gern weitermachen und seinen bis 2028 laufenden Vertrag erfüllen würde. Der Druck wächst.
Die Kritik an seiner Person ist seit der Niederlage im Elfmeterschießen in der Nacht auf Dienstag gewaltig angeschwollen. Prominente Figuren aus dem deutschen Fußball von Philipp Lahm bis zu Mats Hummels haben sich für eine Trennung von Nagelsmann ausgesprochen.
Das war vor acht Jahren anders. In der Öffentlichkeit kam Löw trotz des beispiellosen Scheiterns sogar einigermaßen glimpflich davon. Viele Kollegen aus der Bundesliga sprachen sich für seinen Verbleib im Amt aus, unter anderem der junge Trainer der TSG Hoffenheim – Julian Nagelsmann.
Der entscheidende Unterschied: Jürgen Klopp als natürlicher Nachfolger
Das ist ein Unterschied zur aktuellen Saison, aber nicht der entscheidende. Entscheidend ist, dass es vor acht Jahren keinen natürlichen Kandidaten für die Nachfolge Löws gab. Diesmal ist das anders. Der Schatten-Bundestrainer steht längst bereit, und es ist nicht irgendjemand. Es ist einer, der immer noch als Liebling des Volkes gilt: Jürgen Klopp.
Als Experte des Fernsehsenders Magenta TV ist Klopp gleich nach der Niederlage gegen Paraguay zu einer möglichen Tätigkeit als Bundestrainer gefragt worden. Er verstehe, dass sein Name genannt werde, antwortete er. Aber: „Das ist nicht der Moment, um darüber wirklich zu sprechen, vor allem nicht mit mir. Es gibt dazu nichts zu sagen.“
Medialer Druck nimmt zu
Die Frage ist, ob ein anderer Moment der richtige sein könnte. Nächste Woche zum Beispiel. Oder nächsten Monat. Das nächste Spiel der Nationalmannschaft steht schließlich erst Ende September an.
Vom Experten zum Bundestrainer: Diesen Weg ist auch Franz Beckenbauer gegangen, der bei der EM 1984 als Kolumnist für die „Bild“-Zeitung tätig war, und von eben dieser „Bild“-Zeitung nach dem Vorrundenaus der Nationalmannschaft als Nachfolger von Jupp Derwall ins Amt gehievt wurde. Am Mittwoch titelte die „Sportbild“: „Wir brauchen Klopp als Stimmungs-Dreher.“
In den kommenden Tagen und Wochen dürfte der mediale Druck eher noch zunehmen – zumal er auf die nötige Resonanz stoßen würde. Klopp genießt hierzulande einen guten Ruf, nicht nur fachlich durch seine erfolgreiche Arbeit als Trainer von Borussia Dortmund und beim FC Liverpool.
Klopps steiler Aufstieg zum Volksliebling
Bei der WM 2006 ist er zum Liebling des Volkes aufgestiegen, als er – übrigens in der Nachfolge der Lichtgestalt Franz Beckenbauer – den Deutschen als Experte im ZDF den Fußball erklärte. Ein Mann von Ende 30, der lediglich den mittelmäßigen Bundesligisten Mainz 05 trainierte und das Land nach anfänglicher Skepsis trotzdem begeistert hat.
Bei der aktuellen WM hat Klopp mit einem flapsigen Spruch zumindest beim DFB alles andere als Begeisterung ausgelöst. Der Bemerkung, dass Julian Nagelsmann die Nationalmannschaft aufstelle, ließ der 59-Jährige ein lapidares „noch“ folgen, was vor allem Rudi Völler, den DFB-Sportdirektor, erboste. „Ihr seid ja mehr für die Komik zuständig“, sagte er in einem Interview bei Magenta TV zu Klopp und seinem Co-Experten Thomas Müller.
Völler als Nagelsmanns Unterstützer
Ein Komiker als Bundestrainer? Wenn es nach Rudi Völler ginge, wohl eher nicht. Er gilt ohnehin als großer Anhänger von Julian Nagelsmann und ist zuletzt regelrecht in seiner Aufgabe als Bodyguard für den manchmal etwas erratischen Bundestrainer aufgegangen. Völler war es auch, der sich – als bisher Einziger aus dem DFB – nach dem Ausscheiden gegen Paraguay eindeutig für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Nagelsmann ausgesprochen hat.
DFB-Präsident Neuendorf zurückhaltend
Anders als DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der ohnehin ein Meister des Ungefähren ist. Am Tag nach dem WM-Aus verbreitete der Verband ein kurzes Statement seines Präsidenten, in dem dieser mitteilte: „Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Nach bedingungslosem Rückhalt für den Bundestrainer klingt das nicht.
Jemanden wie Klopp für den DFB zu gewinnen, wäre zudem ein echter Coup für den blassen DFB-Präsidenten Neuendorf. Dann brauchte es auch den 66 Jahre alten Völler nicht mehr zwingend, der immer mehr zum Gesicht für die konservative Verknöcherung des Verbandes geworden ist. Klopp hat keinen PR-Berater an seiner Seite nötig. Gute Stimmung zu erzeugen, das bekäme er dank seiner Eloquenz und seiner rhetorischen Brillanz auch alleine hin.
Klopps Interesse am Bundestrainer-Job
Dass Klopp den Job des Bundestrainers als Abschluss seiner Karriere für reizvoll erachtet, das gilt schon länger als verbürgt. Zumal sich recht hartnäckig das Gerücht hält, dass ihn seine aktuelle Tätigkeit als Head of Global Soccer bei einem österreichischen Getränkekonzern nicht ausfüllt.
Als Bundestrainer könnte Jürgen Klopp mit bald 60 Jahren einerseits auf den Platz zurückkehren, hätte andererseits aber nicht den täglichen Stress, der mit der Tätigkeit bei einem Klub einherginge. Die Work-Life-Balance ist gut und die Bezahlung auch nicht schlecht.
Für Julian Nagelsmann sind das wirklich keine guten Nachrichten.



