Tuchel vs. Bellingham: Wie der „Zoff“ Englands größte Stärke wird
Tuchel vs. Bellingham: Englands größte Stärke

Nach dem Viertelfinalsieg gegen Norwegen eskalierte die öffentliche Wahrnehmung eines vermeintlichen Zerwürfnisses zwischen Englands Trainer Thomas Tuchel und seinem Starspieler Jude Bellingham. Tuchel hatte die Leistung seiner Mannschaft als „schlampig“ bezeichnet und von „Glück“ gesprochen. Bellingham, der beide Tore erzielt hatte, konterte: „Vielleicht weiß er gar nicht, wie es ist, unter solchen Bedingungen zu spielen.“ Doch hinter den Kulissen steckt ein ausgeklügelter Plan des deutschen Trainers, der die Three Lions zu neuen Höhen treibt.

Ein Plan, der aufgeht: Tuchel provoziert bewusst

Tuchel, der in Deutschland nur in der zweiten und dritten Liga spielte, bevor eine Knieverletzung seine Karriere beendete, kennt die Kritik an seiner fehlenden Spielerfahrung auf höchstem Niveau. Doch genau diese vermeintliche Schwäche nutzt er als Werkzeug. Indem er Bellinghams Ego subtil herausfordert, erreicht er, dass sich der Superstar vor die Mannschaft stellt und den Teamgeist beschwört. Bellingham lobte ausdrücklich seine Mitspieler und stellte sich schützend vor das Team – genau das, was Tuchel bezweckt hatte.

Seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten baut Tuchel bewusst eine Geschichte um Bellingham als Teil einer eingeschworenen Truppe auf, nicht als Real-Superstar. Er lobt selten dessen Tore, sondern hebt hervor, wie der 22-Jährige für die Mannschaft kämpft. „Brotherhood on the highest level“ nennt Tuchel diesen Zusammenhalt, der ihn „sehr stolz“ mache.

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Statistik belegt Bellinghams Einsatz fürs Team

Die Zahlen aus dem Norwegen-Spiel untermauern Tuchels Strategie: Bellingham hatte nicht nur die meisten Schüsse aufs Tor und die meisten Ballkontakte im gegnerischen Strafraum, sondern gewann auch die meisten Zweikämpfe und lag bei erfolgreichen Pressings in der gegnerischen Hälfte auf Platz zwei. „Wir geben einfach nicht auf – das ist das wichtigste Merkmal unserer Mannschaft“, betonte Tuchel auf der Pressekonferenz vor dem Halbfinale gegen Argentinien.

Verteidiger Marc Guehi bestätigte den besonderen Teamgeist: „Unser Trainer hat die Gruppe super zusammengebracht. Seit dem Tag, als er bei uns übernommen hat, lautet seine Botschaft: Brotherhood. Füreinander da sein. Diese Mentalität kommt in den schwierigsten Momenten des Turniers zum Vorschein und keiner von uns wird dann nervös.“

Tuchels Lektion aus der Vergangenheit

Tuchel hat aus früheren Konflikten gelernt. Während sein direkter Stil beim FC Bayern und FC Chelsea zu Problemen führte, weiß er nun, dass er Spieler kitzeln, aber nie an den Pranger stellen darf. Die kleinen Seitenhiebe gegen Bellingham kommen von Herzen, von einem Ort der Liebe. Sie sollen den Ehrgeiz des Stars anstacheln, ähnlich wie bei Neymar in der Saison 2019/20 bei PSG, als Tuchel die beste Saison des Brasilianers seit 2015 herauskitzelte.

Die Kabbelei hat Methode: In einem Radiointerview sprach Tuchel von Bellinghams „Aggressivität, die auf den Gegner gerichtet sein muss“. Experten glaubten zeitweise, der Superstar würde auf die Bank gesetzt. Doch der Plan ging auf: Bellingham hat bei dieser WM sechs Tore erzielt, darunter zwei in zwei aufeinanderfolgenden K.o.-Spielen. Nur Pelé (1958 mit 17 Jahren) schaffte dies in jüngerem Alter.

Zwei rastlose Perfektionisten treiben sich an

Tuchel und Bellingham sind sich ähnlicher, als es scheint: Beide sind rastlose Perfektionisten, die stets glauben, dass es noch besser geht. Sie erwarten von allen um sie herum höchste Standards und sind absolute Gewinnertypen. „Was ich bei diesem Turnier noch mal gelernt habe: Im Grunde geht es beim Fußball um Zusammenhalt“, erklärte Tuchel. „Wir haben diesen besonderen Teamgeist bereits im September geschaffen, und jeder hat sich auf höchstem Niveau darauf eingelassen.“

Die Kritik an Tuchels Kaderauswahl – nicht die besten Einzelspieler, sondern die, die am besten ins System passen – ist verstummt. Während Julian Nagelsmann beim DFB scheiterte, weil er Spieler direkt angriff, wie Deniz Undav, setzt Tuchel auf harte Offenheit gepaart mit Teamgeist.

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DFB sehnt sich nach Englands Miteinander

Die „deutschen Tugenden“ wie Kampf, Gier und Bereitschaft zu leiden scheinen im DFB-Team verloren gegangen zu sein. Bei England hingegen pusht sich die Mannschaft gegenseitig, findet immer einen Weg zum Sieg. Ob Tuchel und Bellingham sich wirklich mögen, ist irrelevant. Sie stacheln sich an – und das funktioniert. Vor dem Halbfinale gegen Argentinien steht fest: Dieser „Zoff“ ist Englands größte Stärke.