Fußball-WM: Norwegen rudert sich mit Haaland aus der Krise
WM-Euphorie: Norwegen rudert sich aus der Krise

Nach Monaten politischer Skandale und einer schweren Identitätskrise erlebt Norwegen eine beispiellose Welle nationaler Euphorie – ausgelöst durch den Erfolg der Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft. Der Sieg gegen Brasilien im Achtelfinale am vergangenen Sonntag brachte den Männern um Stürmerstar Erling Braut Haaland erstmals in der Geschichte den Einzug ins Viertelfinale einer WM. Im ganzen Land skandieren die Menschen nun „Ro! Ro! Ro!“ – ein Ruder-Ruf, der zum Symbol des Aufbruchs geworden ist.

Vom Skandal zum Volksfest

Seit Anfang des Jahres erschütterte die Veröffentlichung der Epstein-Akten durch das US-Justizministerium die norwegische Gesellschaft. Die Verbindungen von Kronprinzessin Mette-Marit und zahlreicher Spitzenpolitiker zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein lösten ein politisches Erdbeben aus. Im April setzte das Parlament eine Untersuchungskommission ein, um aufzuklären, wie es in einem Land, das Moral als tragende Säule seines Selbstverständnisses definiert, so weit kommen konnte. Hinzu kam der Prozess gegen Marius Borg Høiby, den Sohn der Kronprinzessin, der im Juni wegen schwerer Gewaltvorwürfe, darunter Vergewaltigung in zwei Fällen, zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Doch von alledem ist derzeit wenig zu hören. Stattdessen ergötzt sich das Land in einem nationalen Hochgefühl. Im Parlament rudern Abgeordnete, im Waldkindergarten Kinder, in Altenheimen Senioren – und sogar Kronprinz Haakon rudert vor dem Schloss mit den Massen. Auf dem New Yorker Times Square versammelten sich Tausende norwegische Fans, um den Sieg zu feiern. Die Fluggesellschaft Norse reagierte auf den riesigen Andrang und kündigte Sonderflüge von Oslo nach Miami für das Viertelfinale gegen England an.

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Fußball als Identitätsstifter

Die Osloer Medienwissenschaftlerin Gunn Enli erklärte dem Tagesspiegel: „Große Sportereignisse können in Zeiten politischer oder kultureller Unsicherheit eine andere symbolische Bedeutung erlangen als in stabileren Zeiten. Sie werden dann nicht mehr nur als Sport wahrgenommen, sondern als Arenen, auf denen Vorstellungen von Nation, Gemeinschaft und Identität verhandelt und inszeniert werden.“ Der Erfolg der Nationalmannschaft stärke den Glauben an ein kollektives, gemeinschaftsorientiertes Norwegen. „Es wird viel darüber gesprochen, dass es um das Team geht, dass alle wichtig sind, dass sie zusammenstehen, dass alle gleich wichtig sind“, so Enli.

Die 22.000 Tickets für die Live-Übertragung im Osloer Frogner-Stadion waren in weniger als 30 Sekunden ausverkauft. „So etwas haben wir hier noch nie erlebt“, sagte Stadionleiterin Kim Frydenberg dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk NRK. Auch in anderen Städten werden Volksfeste organisiert, bei denen die Menschen im blau-weiß-roten Nationalstolz schwelgen können. Stadtrat Mehmet Kaan Inan kündigte für das Viertelfinale gegen England „ein großes Volksfest“ an – viele städtische Angestellte brechen dafür sogar ihren Sommerurlaub ab.

Ein Sieg für die Sozialdemokratie

Enli betont, dass der sportliche Erfolg die politischen Skandale überlagert: „Der Sieg über Brasilien ist ein Sieg für die norwegische Sozialdemokratie, und er überlagert alle Schwierigkeiten des Königshauses.“ Die historisch erfolgreichen Herren – die Frauen haben im internationalen Fußball bereits alles gewonnen – sind eine willkommene Abwechslung. Selbst spöttische Bemerkungen über die Nachbarn Schweden und Dänemark, die bei der WM weniger erfolgreich abschnitten, gehören zum neuen Hochgefühl. Der Ruf „Wenn wir wollen, können wir ganz Schweden kaufen“ ist unter Fans wieder populär – und tatsächlich könnte Norwegen mit seinem über 200 Milliarden schweren Staatsfonds sämtliche börsennotierten Unternehmen Schwedens erwerben.

Jetzt nimmt die Elf um Erling Braut Haaland Kurs auf England. Vor knapp einem Jahrtausend wollte der norwegische König Harald Hardråde den englischen Thron besteigen, wurde aber tödlich verwundet – was das Ende des Wikingerzeitalters einläutete. Am späten Sonnabend könnte die Mannschaft diese historische Niederlage vergessen machen. „Der Fußball hat uns stolz gemacht, Norweger zu sein“, fasst Enli die Stimmung zusammen.

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