Julian Nagelsmann hätte verschiedene Optionen gehabt. Er entschied sich für die naheliegendste. Beim Länderspiel gegen die USA, dem letzten Test vor der Weltmeisterschaft, besetzte der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft den durch die Verletzung von Lennart Karl freigewordenen Platz mit Leroy Sané. Der 30-Jährige weist ein ähnliches Profil wie Karl auf: Er ist Linksfuß, schnell und dribbelstark.
Karls Ausfall schockiert das Team
Karl, 18 Jahre alt und die Entdeckung der vergangenen Bundesligasaison, zog sich im Abschlusstraining für das Spiel gegen den WM-Gastgeber in Chicago einen Muskelbündelriss zu. Der Profi vom FC Bayern München fällt damit für die Weltmeisterschaft aus und ist bereits nach Deutschland zurückgeflogen. „Wir waren alle ein bisschen schockiert“, sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler vor dem Anpfiff gegen die USA im Interview bei RTL. „Aber wir raufen uns noch mal zusammen.“
Sané als großer Profiteur
Leroy Sané, dessen Nominierung für die WM für viele überraschend kam, könnte nun der große Profiteur von Karls Verletzung sein. Eigentlich war er eher als Back-up eingeplant. Nun aber hat der Offensivspieler von Galatasaray Istanbul realistische Chancen auf einen Stammplatz. Dass der Bundestrainer trotz einer mäßigen Saison im Verein an Sané festhielt, stieß in der Öffentlichkeit auf wenig Verständnis. Innerhalb der Mannschaft jedoch hat der frühere Profi vom FC Bayern München viele Fürsprecher.
Es spricht Bände, dass Nagelsmann darauf verzichtete, einen ausgewiesenen Flügelspieler als Ersatz für den verletzten Karl nachzunominieren. Der Kölner Said El Mala und der Stuttgarter Chris Führich wären mögliche Kandidaten gewesen. Beide sind jedoch im Gegensatz zu Karl Rechtsfüßer und spielen daher in ihren Vereinen vor allem auf der linken Seite.
75 Länderspiele für Sané
Leroy Sané hat bisher 75 Länderspiele bestritten. Nagelsmann entschied sich für Assan Ouédraogo vom Bundesligisten Rasenballsport Leipzig als Nachrücker. Der 20-Jährige kann verschiedene Positionen spielen, auch auf dem Flügel. In der Regel kommt er jedoch im zentralen Mittelfeld zum Einsatz. Für die Nationalmannschaft hat Ouédraogo bisher erst einmal gespielt. Im vergangenen November, im abschließenden WM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei, wurde er in der 77. Minute eingewechselt; zwei Minuten später erzielte er in seinem Heimstadion in Leipzig den Treffer zum 6:0-Endstand.
Nagelsmanns Lob für Ouédraogo
Nagelsmann hält große Stücke auf Ouédraogo, der jedoch in der Vergangenheit immer wieder von Verletzungen ausgebremst wurde und es wohl auch deshalb zunächst nicht in den Kader für die WM in Nordamerika schaffte. Im Sommer 2024 wechselte Ouédraogo vom FC Schalke 04 nach Leipzig; seitdem bestritt er lediglich 22 Bundesligaspiele für den Klub. Bei seiner ersten Nominierung in die Nationalmannschaft erlebte Nagelsmann Ouédraogo als „super freundlich“ und „sehr, sehr offen“. Der Leipziger sei „ein bescheidener junger Mann“ ohne Allüren. Aber auch sportlich sieht Nagelsmann in ihm einen Gewinn für sein Team: „Er hat einen sehr guten Speed, einen super interessanten Körper, eine gute Torgefahr, einen intelligenten Torabschluss und ein interessantes Mindset.“
Weitere Änderungen in der Startelf
Im Vergleich zum Länderspiel gegen Finnland sechs Tage zuvor nahm Nagelsmann für die WM-Generalprobe gegen die USA eine weitere Änderung vor. Kai Havertz vom Champions-League-Finalisten FC Arsenal lief als Mittelstürmer auf und ersetzte Deniz Undav, der gegen die Finnen noch doppelt getroffen hatte, wegen einer leichten Verletzung jedoch noch nicht wieder voll belastbar war. Links in der Viererkette erhielt Nathaniel Brown erneut den Vorzug vor David Raum.
Neuer weiter im Wartestand
Das gilt auch für Torhüter Manuel Neuer, der weiterhin auf seinen 125. Einsatz für die deutsche Nationalmannschaft warten muss. Der Münchner bestritt beim verlorenen EM-Viertelfinale im Juli 2024 sein letztes Länderspiel. „Ihm geht’s gut“, sagte Nagelsmann am Tag vor dem Spiel gegen die USA im Soldier Field in Chicago. Neuer, inzwischen 40 Jahre alt, soll kommende Woche erstmals wieder mit der Mannschaft trainieren und im Idealfall bei Deutschlands WM-Auftakt am 14. Juni gegen Curaçao im Tor stehen. Das Problem, dass Neuer dann nicht ausreichend mit seinen Vorderleuten eingespielt ist, sieht der Bundestrainer nicht. „Die Situation, die er jetzt hat, kennt er auch von den Bayern“, sagte Nagelsmann. „Das hatte er letztes Jahr fünf-, sechsmal.“



