An diesem Freitag starten auf dem Lago di Varese die Ruder-Europameisterschaften. Für die Deutschland-Achter der Frauen, Männer und des neuen Mixed-Teams beginnt die letzte Etappe auf dem Weg zu Medaillen. Die Besetzung der einzelnen Positionen ist ein entscheidender taktischer Baustein, an dem lange vorher gefeilt wird.
„Es ist ein Prozess“, beschreibt Trainerin Anna-Maria Götz die Suche nach der optimalen Besetzung im als Flaggschiff des Rudersports geltenden Achter. Im Frauen-Achter gab es nach den Weltcups in Sevilla und Luzern Veränderungen – angestoßen sowohl von außen als auch aus dem Team. „Das Feedback der Frauen ist enorm wichtig. Sie sitzen im Boot und spüren vieles noch besser, als wir es von außen sehen können“, sagt Götz.
Die Positionen im Detail: Von Bug bis Heck
Die Ruderplätze im Achter sind vom Bug bis zum Heck von 1 bis 8 nummeriert. Als neuntes Besatzungsmitglied kommt der Steuermann oder die Steuerfrau hinzu. Diese leichte und zierliche Person rudert nicht, sondern hält das Boot über das Steuerseil auf Kurs, gibt taktische Anweisungen und motiviert. „Er ist wie ein Co-Trainer und das Bindeglied zwischen Besatzung und Trainer. Während des Rennens hat er das Kommando“, erklärt Götz.
Direkt davor sitzt der Schlagmann beziehungsweise die Schlagfrau auf Nummer 8. „Das ist eine Schlüsselposition, die nicht jede Sportlerin und jeder Sportler rudern kann. Es geht darum, den Rhythmus vorzugeben, aber es braucht auch eine gewisse Nervenstärke, um sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Gleichzeitig braucht es das Gespür, im entscheidenden Moment das Tempo anzuziehen. Dafür sind Selbstbewusstsein und Führungsstärke gefragt“, sagt Götz.
Der Maschinenraum: Kraftzentrale des Bootes
Für den Ruderer oder die Ruderin direkt hinter dem Schlag auf Platz 7 gilt es, den vorgegebenen Rhythmus aufzunehmen und gleichmäßig durch das gesamte Boot zu tragen. Damit bildet diese Position die Verbindung zwischen Taktgeber und Kraftzentrale. „Der Platz direkt hinter der Schlagfrau erfordert auch sehr viel Gefühl, da wirklich mitzugehen, dass das alles intuitiv funktioniert“, betont Götz.
Die mittleren Plätze gelten als Maschinenraum des Achters. Dort sitzen die körperlich stärksten Athletinnen und Athleten und erzeugen Geschwindigkeit. Dazu gehört auch Pia Greiten, die auf Platz 5 neu in den Frauen-Achter gerutscht ist. „Das Mittelschiff ist der Bereich, wo traditionell die sehr physisch starken Sportlerinnen sitzen. Wir unterstützen einerseits den Schlagzweier und geben auch den Rhythmus nach hinten weiter in den Bug“, erklärt Greiten.
Harmonie schlägt individuelle Stärke
Am anderen Ende des Bootes sitzt der Bugmann oder die Bugfrau. Auf Platz 1, wo sich das Boot am stärksten auf und ab bewegt, wird für Stabilität gesorgt und die Wasserlage beobachtet. „Hier ist ein bisschen Feinfühligkeit gefragt, weil man dort sehr viel Einfluss auf den Bootsstand hat“, so Götz. Kleine Korrekturen können auf den letzten Metern über Medaillen entscheiden.
„Wenn jede ihre maximale Power einbringt und nur ihr eigenes Ding macht, ist das langsamer, als wenn alle mit 95 Prozent Einsatz perfekt harmonieren. Nach vielen Jahren spürt man einfach, ob es richtig gut läuft oder nicht und ob es synchron und eine kompakte Einheit ist“, sagt Greiten. „Das Boot muss gut auf dem Wasser laufen. Das geht nur in einem harmonischen Team“, ergänzt Götz.
Neue Herausforderung: Der Mixed-Achter
Komplex ist auch die Besetzung des noch jungen Mixed-Achters mit vier Frauen und vier Männern, der erstmals bei einer EM dabei ist. Unterschiedliche körperliche Voraussetzungen und Kraftprofile müssen harmonieren. „In allen Nationen wird noch viel mit unterschiedlichen Besetzungen und Sitzordnungen experimentiert“, erklärt Trainer Sven Ueck. Da nur Ruderer mit Einsätzen in anderen Bootsklassen starten dürfen, spiele auch der Zeitplan eine Rolle.
Während die EM für das Mixed-Boot bei der Suche nach der perfekten Kombination dient, zählen für die traditionellen Achter die Ergebnisse. Der Frauen-Achter will nach WM-Platz vier im Vorjahr den Aufwärtstrend fortsetzen – auch wenn es bei den Weltcups bislang nur zu den Rängen fünf und sechs reichte. Der Männer-Achter will nach dem WM-Vorlauf-Aus wieder in der europäischen Spitze mitmischen und reist nach vierten Plätzen bei beiden Weltcups nach Italien.



