Tour-Drama um Lipowitz: Sturz beendet Frankreich-Abenteuer des Radstars
Tour-Drama um Lipowitz: Sturz beendet Frankreich-Abenteuer

Das zweite Frankreich-Abenteuer des deutschen Radprofis Florian Lipowitz endete jäh und schmerzhaft. Statt auf den Champs-Élysées in Paris zu jubeln, lag der 27-Jährige nach einem schweren Sturz im Krankenhaus von Chambery. Sein Traum von einer erneuten Podiumsplatzierung bei der Tour de France war bereits am Fuße der Alpen geplatzt. Lipowitz war in einer gefährlichen Rechtskurve zu Fall gekommen und gegen den Bordstein geschlittert. Dabei erlitt er einen Schlüsselbeinbruch, der noch in der Nacht operiert werden musste.

Teamchef Denk: „Mega enttäuscht“

„Er ist mega enttäuscht“, sagte Teamchef Ralph Denk beim Start der 17. Etappe in Chambery. „Er ist noch im Krankenhaus und wird dort voraussichtlich noch die Nacht verbringen.“ Die Operation am gebrochenen Schlüsselbein war erfolgreich, doch die Ausfallzeit wird mindestens sechs Wochen betragen. „Ich gehe davon aus, dass man ihn in diesem Jahr noch auf dem Rad und bei Rennen sehen wird“, fügte Denk hinzu. Allerdings dürfte es für die Vuelta in Spanien (22. August bis 13. September) oder die WM in Montreal (20. bis 27. September) kaum reichen. Möglicherweise sind im Herbst noch Eintagesrennen in Italien wie die Lombardei-Rundfahrt (10. Oktober) möglich.

Evenepoel: „Wir werden ihn vermissen“

Im Teamhotel Campanile Findrol Savoie Leman herrschten gemischte Gefühle. Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel, der nach seinem zweiten Etappensieg in Folge zum Team sprach, erwähnte zuallererst Lipowitz. „Es ist ein großer Verlust für uns, aber in erster Linie für ihn und die Opfer, die er gebracht hat, um hierherzugelangen“, sagte der aktuell Zweitplatzierte hinter Dominator Tadej Pogacar. „Wir werden ihn vermissen“, schob er hinterher. Auch Teamchef Denk schloss sich dem an: „Wir werden ihn nicht nur im Kampf ums Podium vermissen, sondern wir werden ihn auch als Menschen vermissen.“

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Ringen um die Führungsrolle im Team

Die Rede von Evenepoel setzte den vermeintlichen Schlusspunkt eines Ringens um die Führungsrolle im Team, das die Tour bislang begleitet hat. Das Verhältnis zwischen den als gleichberechtigten in die Tour gestarteten Kapitänen war von Experten genauestens seziert worden. Für Lipowitz lief die Tour von Anfang an unglücklich. Evenepoel selbst setzte eine Macht-Duftmarke, als er Lipowitz gleich nach der ersten Gebirgsherausforderung in den Pyrenäen für fehlende Unterstützung harsch kritisierte. Danach wurde zwar öffentlich beteuert, wie gut die Stimmung sei, doch das Verhalten dürfte Spuren beim zurückhaltenden Lipowitz hinterlassen haben.

Lipowitz‘ schwierige Tour

Danach lief es für Evenepoel immer besser. Und Lipowitz konnte sich im Vergleich zum vergangenen Jahr kaum zeigen. Auf der Bergetappe zum Plateau de Solaison fiel er zurück und musste Spitzenreiter Pogacar und auch Evenepoel ziehen lassen. Das kam überraschend, denn man hatte dem gebürtigen Laichinger bei den langen Anstiegen deutlich mehr zugetraut als seinem belgischen Kollegen. Denk verteidigte die Herangehensweise des Teams: „Wir sind froh, dass wir die Doppelstrategie gewählt haben“, sagte er angesichts des möglichen zweiten Gesamtrangs in Paris durch Evenepoel. Dass Lipowitz teils anders auftrat als noch in seiner Debüt-Saison, wollte Denk nicht auf Evenepoel beziehen. „Dieses Jahr ist er schon gestartet mit einer Riesen-Erwartungshaltung von ganz Radsport-Deutschland. Das ist der Unterschied. Und Remco, glaube ich, hat ihm da viel Druck eher genommen.“

Hätte man den Sturz verhindern können?

Die Frage nach der Vermeidbarkeit des Sturzes beschäftigte Denk. Lipowitz hatte laut Denk „sehr, sehr viel Geschwindigkeit drauf. Wahrscheinlich zu viel. Also ich sehe sonst keinen anderen Schuldigen.“ Dennoch warf er die Frage auf, ob man möglicherweise den Gehsteig in der Kurve besser hätte absichern können. Zudem hätte mehr Trainingszeit auf dem Kurs nicht geschadet. Der Sturz setzte den Schlusspunkt einer enttäuschenden Tour für den Deutschen, der im Vorjahr noch den dritten Gesamtrang belegt hatte.

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Zukunft der Doppelstrategie

Ob es die Konstellation mit zwei gleichberechtigten Kapitänen bei der Tour noch einmal geben wird, ließ Denk offen. „Wir haben für viel Gesprächsstoff gesorgt mit der Doppelstrategie. Zuerst müsse man die Strecken der kommenden Grand Tours einschließlich der Tour sehen. Und dann werden wir übereinkommen, wie wir unsere Strategie aufbauen.“