Deutsches Tennis im Kreuzfeuer: Becker und Rittner kritisieren DTB scharf
Der Deutsche Tennis Bund (DTB) steht unter massiver Kritik von zwei Ikonen des deutschen Sports. Boris Becker, der sechsfache Grand-Slam-Champion, und die ehemalige Bundestrainerin Barbara Rittner haben in einem gemeinsamen Podcast deutliche Worte zum Zustand des deutschen Tennis gefunden und sorgen sich um die Zukunft.
Fehlender Stallgeruch und verfehlte Ziele
Boris Becker redete sich in Rage und stellte fundamentale Fragen zur Entwicklung des deutschen Tennis. "Es gab Zeiten, da haben Spieler in diesem Alter Grand Slams gewonnen, jetzt freuen wir uns, wenn ein 19-, 20-Jähriger in die Nähe der ersten 100 kommt", kritisierte der 58-Jährige und fügte hinzu: "Haben sich auch unsere Ansprüche verlagert?"
Der ehemalige Weltstar zweifelte dabei insbesondere die sportliche Führung des DTB an. An der Verbandsspitze brauche es "Menschen, die wirklich den Stallgeruch haben, die wissen, wie international trainiert wird", forderte Becker, der selbst 2020 seine Aufgabe als Head of Men's Tennis im DTB aufgegeben hatte.
Barbara Rittner, die den DTB im Februar 2024 nach 19 Jahren nicht geräuschlos verlassen hatte, kritisierte zudem die ambitionierten Zielsetzungen im Strategiepapier "TennisDeutschland 2032". Der Verband will bis 2032 jeweils acht bis zehn Spielerinnen und Spieler in den Top 100 platzieren sowie zwei Olympiamedaillen gewinnen. Rittner bezeichnete diese Vorgaben als unrealistisch: "Es sei schließlich kein Wunschkonzert", sagte die einstige Nummer 24 der Welt.
DTB reagiert verärgert auf Kritik
Die scharfe Kritik stieß beim Deutschen Tennis Bund auf wenig Verständnis. DTB-Sportvorstand Veronika Rücker zeigte sich enttäuscht über die öffentliche Auseinandersetzung: "Ich finde es bedauerlich, dass ein Gesprächsangebot des DTB im Vorfeld des Podcasts nicht genutzt worden ist und dass keiner der aktuell verantwortlichen Bundestrainer in die Diskussion eingebunden wurde", sagte die 55-Jährige.
Rücker verteidigte die Arbeit des Verbandes und verwies auf die Erfolge der letzten zwei Jahre, die in der Kritik keinerlei Berücksichtigung gefunden hätten. "Das ist nicht gerade motivierend für unseren Nachwuchs", betonte die Sportvorständin. Konstruktive Verbesserungsvorschläge habe sie in der Kritik leider nicht vernommen.
Gleichzeitig räumte Rücker ein: "Die Breite, die wir im Profibereich gerne hätten, haben wir aktuell nicht." Die aktuelle Situation beim Masters in Miami unterstreicht diese Einschätzung. Bevor Alexander Zverev nach einem Freilos überhaupt ins Turnier eingreifen konnte, waren bereits fast alle deutschen Teilnehmer ausgeschieden.
Ursachen in der Vergangenheit, Hoffnung für die Zukunft
Die DTB-Sportvorstand verwies darauf, dass die Ursachen für die aktuelle Lage in der Vergangenheit liegen - einer Vergangenheit, die auch Becker und Rittner mitgestaltet haben. Rücker zeigte sich "überrascht" angesichts der harschen Kritik von Barbara Rittner, "weil Barbara Rittner bei der gesamten Konzepterstellung dabei und bis zu ihrem Ausscheiden aus dem DTB auch in jeder Strategiesitzung intensiv eingebunden war."
Trotz der aktuellen Durststrecke im Spitzenbereich gibt es auch Gründe für Optimismus im deutschen Tennis:
- Max Schönhaus und Niels McDonald (beide 18) standen sich im vergangenen Juniorenfinale der French Open gegenüber
- Der gleichaltrige Justin Engel sorgt bereits bei den Profis für Furore
- Bei den Frauen machen Julia Stusek (17) und weitere Talente Hoffnung
Der schwierige Übergang vom Jugend- in den Profibereich bleibt jedoch eine zentrale Herausforderung. Veronika Rücker blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft: "Wir gehen optimistisch in die Zukunft, da wächst eine sehr gute Generation heran."
Die Kontroverse zeigt die tiefen Gräben innerhalb des deutschen Tennis und wirft grundlegende Fragen zur Strategie und Führung des Deutschen Tennis Bundes auf. Während die Kritiker mangelnden Stallgeruch und unrealistische Ziele bemängeln, verweist der Verband auf seine Erfolge und die vielversprechende Nachwuchsgeneration.



