Paralympics im aufgeweichten Schnee: Klimakrise fordert Winter-Sport heraus
Die Bilder von den Paralympischen Winterspielen 2026 in Tesero, Italien, waren ungewöhnlich: Para-Biathlet und -Langläufer Marco Maier startete bei zwölf Grad Lufttemperatur in kurzer Hose und T-Shirt – eine Szene, die normalerweise dem Sommersport vorbehalten ist. „Ich musste einfach aufpassen, nicht zu überhitzen“, erklärt der deutsche Athlet und dreifache Bronzemedaillengewinner. „Der Schnee reflektiert die Sonne, dadurch fühlte es sich viel wärmer an. Eine ungewohnte Belastung.“
„Durch die Bedingungen sehen wir aus wie Anfänger“
Die ungewöhnlich milden Temperaturen während der Spiele stellten die Para-Sportler vor enorme Herausforderungen. Maier beschreibt, wie er während seines Biathlonrennens über 12,5 Kilometer zweimal Wasser über den Kopf schüttete – eine Maßnahme, die eher von Radrennen bekannt ist. „Absurd, dass ich mir bei Winter-Paralympics Gedanken über Wasserstationen und Kühlung machen muss“, so der 1999 geborene Athlet.
Doch nicht nur die Athleten litten unter den Bedingungen. Der aufgeweichte Schnee verwandelte die Strecken in eine rutschige, tückische Angelegenheit. „Man macht einen Schritt vorwärts, sinkt ein und rutscht ein paar Zentimeter zurück“, schildert Maier. „Es gibt auch viel mehr Stürze. Durch die Bedingungen sehen wir aus wie Anfänger. Der Sport gibt kein gutes Bild ab.“
Zeitpunkt der Spiele in Frage gestellt
Als Athletensprecher des deutschen Teams hat Maier konkrete Vorschläge, wie man den Auswirkungen der Klimakrise auf den Winter-Para-Sport begegnen könnte. „Schneesichere Winter werden in Europa immer seltener“, stellt er fest. Eine Verlegung der Spiele auf einen anderen Kontinent hält er für möglich, aber wenig populär. Stattdessen schlägt er vor: „Wir könnten die Paralympics nach vorn verlegen, in den Januar, vor den Olympischen Spielen.“
Diese Idee birgt allerdings eigene Herausforderungen. Die Para-Weltcup-Saison beginnt oft erst im Dezember, was kaum Zeit für Qualifikationen ließe. Maier denkt hier an alternative Lösungen: „Ergebnisse aus dem Vorjahr oder standardisierte Leistungstests wären eine Möglichkeit. Andere Sportarten veranstalten Qualifikationsturniere.“ Sein Credo: „Wer will, findet Wege.“
Zukunft des Winter-Para-Sports
Die Sorge, dass die Winter-Paralympics angesichts schwindender Schneesicherheit irgendwann vielleicht nicht mehr stattfinden könnten, teilt Maier nicht uneingeschränkt. „Am Schneemangel in vielen Regionen werden wir nichts ändern können“, räumt er ein. Beim Weltcup in Schweden war der Schnee bereits so dünn, dass die Athleten den Boden berührten – Maier zerstörte dabei mehrere Skier.
Dennoch zeigt er sich optimistisch: „Wir bekommen diese Situation wahrscheinlich nur mit Technik gelöst. Schnee umweltschonend herzustellen, ist möglich. Dafür muss aber in Technologien investiert werden.“
Professionalisierung und Sichtbarkeit
Neben den klimatischen Herausforderungen sieht Maier weiteren Handlungsbedarf für den Para-Sport. „Olympia wird immer einen höheren Stellenwert als die Paralympics haben“, stellt er nüchtern fest. „Man glaubt an Märchen, wenn man darauf hofft, sie gleichzustellen.“
Dennoch gibt es aus seiner Sicht Möglichkeiten, die Popularität der Winter-Paralympics zu steigern. „Die Berichterstattung wird qualitativ immer besser. Aber viele Wettkämpfe werden nur im Livestream gezeigt.“ Sein Appell: „Der Para-Sport muss professioneller und spannender werden, neue Formate entwickeln. Das fesselt Zuschauer und Zuschauerinnen.“
Die Vision perfekter Paralympics
Trotz aller Herausforderungen blickt Maier positiv auf die Spiele in Italien zurück. Seine Vision für perfekte Paralympics: „Verschneiter Wald, Sonnentage, keine Dreckstellen im Schnee. Ein Athletendorf mit vielen Sitzmöglichkeiten und Aktivitäten, in dem Werte wie Gemeinschaft und Austausch gelebt werden können.“
Und vor allem: „Wir zeigen, was Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen erreichen können.“ Auch wenn die Umstände in Tesero nicht ideal waren – „Ich bin einfach glücklich, bei den Paralympics solche Chancen zu bekommen und meiner Leidenschaft nachgehen zu können.“



