Frankfurt. Finanzkrise, Niedrigzinsphase, Coronapandemie: Michael Strauß hat in seiner Karriere viele einschneidende Ereignisse für Banken erlebt. Was aktuell in den Geldhäusern durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) passiert, stellt für den Berater der Boston Consulting Group (BCG) dennoch alles bisher Dagewesene in den Schatten. „KI ist der größte Treiber von Veränderung im Bankensektor, den ich in den vergangenen 25 Jahren erlebt habe“, sagt Strauß. Er leitet das Finanzdienstleistungsgeschäft von BCG in Zentraleuropa und hat in den vergangenen Jahren mehrere KI-Projekte bei Instituten in Deutschland, Europa und Nordamerika begleitet. Sein Fazit: „Der Einsatz von KI ist das dominierende Thema in den Chefetagen der Banken.“
Gewinntreiber KI: Commerzbank peilt 500 Millionen Euro an
In Deutschland gehört die Commerzbank zu den Instituten, die am detailliertesten über ihre KI-Pläne sprechen. Das Geldhaus will seine Eigenkapitalrendite auf 21 Prozent bis 2030 mehr als verdoppeln. KI sei dabei „ein wesentlicher Hebel“, sagt Finanzchef Carsten Schmitt dem Handelsblatt. „Unsere Initiativen sollen ab 2030 einen jährlichen Beitrag von 500 Millionen Euro leisten – überwiegend durch Effizienzgewinne.“
Experten erwarten, dass auch andere Institute künftig profitabler werden. „Die verstärkte Nutzung von KI wird dazu führen, dass deutsche Banken deutlich höhere Gewinne erzielen können als in der zurückliegenden Dekade“, prognostiziert BCG-Berater Strauß. Er geht jedoch nicht davon aus, dass die Institute wegen KI dauerhaft sehr viel höhere Eigenkapitalrenditen erzielen werden. Denn die Produktionsgewinne würden nicht zu 100 Prozent bei ihnen verbleiben. „Über die Zeit betrachtet müssen die Institute einen Teil davon an ihre Kunden weitergeben, um sich im Wettbewerb mit anderen Geldhäusern zu behaupten“, erwartet er.
Die Analysten von Goldman Sachs sagten Anfang des Jahres in einer viel beachteten Studie voraus, dass europäische Geldhäuser ihre Eigenkapitalrendite dank des Einsatzes von KI mittelfristig im Schnitt um 2,4 Prozentpunkte erhöhen werden.
Produktivitätsgewinne durch Automatisierung
Nach Einschätzung von Goldman Sachs sind die Einsparmöglichkeiten durch KI bei Banken etwa viermal so groß wie das zusätzliche Ertragspotenzial. Matthias Lehneis von der Beratungsgesellschaft ZEB sagt: „KI kann dabei helfen, Medienbrüche in Prozessen zu überwinden, den Kunden schnellere und bessere Angebote zur Verfügung zu stellen und die Modernisierung sowie den Ausbau der IT selbst zu beschleunigen.“
Aus Sicht von Strauß gibt es die größten Produktivitätsgewinne durch die Automatisierung von Prozessen, die heute von Mitarbeitern noch ganz oder teilweise manuell erledigt werden. Dazu zählen die Überprüfung und Aufnahme neuer Kunden, die Vergabe von Baufinanzierungen und Firmenkundenkrediten sowie die Risikoüberwachung. „Aktuell setzen Banken KI am stärksten bei der Softwareentwicklung ein“, berichtet der Berater.
Strauß geht davon aus, dass die deutschen Banken das Verhältnis von Kosten zu Erträgen durch den Einsatz von KI innerhalb der nächsten drei Jahre um fünf Prozentpunkte verbessern können. „Diese Schätzung basiert auf dem heutigen Stand der Technologie“, betont er. „Wenn es weitere technologische Fortschritte gibt, könnte das Verbesserungspotenzial noch größer sein.“
Keine Massentlassungen, aber neue Fähigkeiten gefragt
Die Analysten von Morgan Stanley erwarten, dass bei den europäischen Banken in den kommenden fünf Jahren wegen KI rund zehn Prozent aller Stellen wegfallen. Das lasse sich größtenteils über natürliche Fluktuation und altersbedingte Abgänge und ohne große Restrukturierungsprogramme regeln, erklären sie. Vorstände deutscher Banken halten derartige Einsparungen für essenziell, schließlich werden sie wegen des demografischen Wandels perspektivisch deutlich weniger Personal zur Verfügung haben. Aktuell liege der Fokus der Institute aber nicht auf Personalabbau, sondern auf Produktionssteigerungen durch KI, betont BCG-Berater Strauß.
„Kein Institut käme auf die Idee, wegen des Einsatzes von KI beim Programmieren Entwickler vor die Tür zu setzen“, sagt der Experte. „Stattdessen nutzen die Banken die neuen Möglichkeiten, um mehr Projekte innerhalb einer kürzeren Zeit umzusetzen.“ Die Commerzbank will durch den Einsatz von KI bis 2030 „rund zehn Prozent unserer Kapazitäten freisetzen“, erklärt Finanzchef Schmitt. Einen Teil davon investiere das Institut wieder in Wachstum und eine bessere Kundenbetreuung. „KI soll unsere Mitarbeitenden unterstützen, nicht ersetzen – und mehr Zeit für Kundenarbeit schaffen“, sagt er.
Laut Strauß ist das größte Personalthema für Banken aktuell nicht der Stellenabbau durch KI, sondern die Schulung der Belegschaft. „Künftig werden Mitarbeiter völlig neue Fähigkeiten mitbringen müssen, beispielsweise die Überwachung von KI-Modellen“, sagt er. „Viele Stellenausschreibungen von Banken werden in zwei Jahren deutlich anders aussehen als heute.“
Überraschung: Auch IT-Schwache können profitieren
Die Analysten von Goldman Sachs sehen das größte Potenzial für Banken mit kostenintensiven Geschäftsmodellen, bei denen effizientere Prozesse und niedrigere Kosten „zu einem spürbaren Renditeanstieg führen können“. Dazu zählten etwa Privatkundenbanken mit relativ hohen Personalkosten, unter anderem für den Kundenservice. Zudem überraschen die Goldman-Experten mit folgender Prognose: „Auch wenn es zunächst kontraintuitiv erscheint, könnten gerade Institute mit einer derzeit noch wenig entwickelten IT-Infrastruktur zu den größten Profiteuren neuer Technologien zählen, da ihre höhere Kostenbasis das größte Optimierungspotenzial bietet.“
Ob KI großen oder kleinen Geldhäusern mehr helfen wird, ist umstritten. „Große Banken können deutlich mehr in KI-Projekte investieren und haben in diesem Bereich deshalb oft eine höhere Expertise“, sagt BCG-Berater Strauß. „Kleine Banken sind dafür weniger komplex und haben damit oft bessere Voraussetzungen, um KI-Projekte schneller umzusetzen.“ Darauf setzt auch die Commerzbank, die bis 2030 rund 600 Millionen Euro in KI investieren will. Das sei zwar deutlich weniger als Schwergewichte wie JP Morgan, räumt Vorstand Schmitt ein. Aber: „Es geht nicht notwendigerweise darum, wer absolut am meisten investiert, sondern, wie geschickt Geldhäuser ihre Mittel einsetzen.“
KI-Agenten könnten Einlagengeschäft revolutionieren
Bisher verdienen die deutschen Banken prächtig damit, dass viele Menschen ihr Geld schlecht oder gar nicht verzinst auf ihren Giro- oder Tagesgeldkonten liegen haben. Wenn Kundinnen und Kunden künftig verstärkt KI-Agenten nutzen, könnte sich das jedoch ändern. „Aktuell ist ein Kontowechsel noch relativ aufwendig“, betont Berater Sebastian Brecht vom ZEB. Man muss alle Informationen zusammensuchen, die Banken kontaktieren und sich dort legitimieren. Wenn Agenten dies übernehmen, könnten Privatkunden ohne großen Aufwand neue Konten eröffnen und alte schließen.
„Die Agenten werden rationaler und schneller handeln als Menschen“, erklärt Brecht. Wenn sie entsprechende Vorgaben bekämen, könnten sie in Europa immer dort ein Konto eröffnen, wo es aktuell den höchsten Zins auf Einlagen gebe. „Für die Banken besteht deshalb die Gefahr, dass die Gewinnmargen im Einlagengeschäft erodieren.“ Dass Einlagen künftig nur noch zu den Geldhäusern fließen, die die höchsten Zinsen bieten, erwarten Brecht und andere Experten jedoch nicht. Kunden können schließlich bereits heute auf Vergleichsportalen sehen, welches Institut aktuell den höchsten Zins bezahlt. Dennoch halten viele ihrer Hausbank die Treue. „Sicherheit und Vertrauen werden bei Bankgeschäften auch im KI-Zeitalter wichtig bleiben“, sagt Brecht.
Vorstandsmitglied Schmitt weist zudem darauf hin, dass es sich bei einem Großteil der Einlagen bei der Commerzbank um Sichteinlagen handelt. „Sie befinden sich auf den Girokonten der Kunden, um damit ihre alltäglichen Ausgaben zu begleichen“, sagt er. „Diese Gelder würden auch beim verstärkten Einsatz von KI nicht abfließen.“
Kundenkontakt in Gefahr? Big Techs drängen in den Finanzsektor
Für Banken ist der Kontakt zum Kunden essenziell, um Einlagen einzusammeln, Kredite zu vergeben oder bei der Geldanlage zu beraten. Wenn Kunden künftig verstärkt KI-Agenten einsetzen, droht dieser Kontakt jedoch zunehmend verloren zu gehen. Ein Beispiel dafür ist die KI-Firma OpenAI. Sie stellte im Mai ein neues Angebot vor, mit dem Kunden in den USA ihre Konten verbinden, ihre Finanzen verwalten und ChatGPT Fragen stellen können. „Das ist aus unserer Sicht nicht nur irgendein weiteres Technologiethema, sondern es geht am Ende um die Zukunft der Kundenbeziehung im Banking“, sagt Lars Stoy, Chef von Deutschlands größter Direktbank ING. „Da kann Künstliche Intelligenz zum ‚Gamechanger‘ werden.“
Cornelius Riese, der Vorstandsvorsitzende der DZ Bank, teilt diese Sorgen. „Wir haben uns an die Google-Welt gewöhnt“, sagt er. Geldhäuser wüssten, wie sie bei Google Aufmerksamkeit erzeugten und was das koste. „Aber wie funktioniert eigentlich die Kundenschnittstelle mit Agentenketten? Das ist eine große Frage.“ Technologiekonzerne wie Apple und Amazon sind bereits seit Jahren im Zahlungsverkehr aktiv. ZEB-Berater Lehneis erwartet, dass sie ihr Engagement im Finanzsektor tendenziell weiter ausbauen werden – und warnt: „Banken müssen im KI-Zeitalter noch härter darum kämpfen, den direkten Kontakt zum Kunden nicht zu verlieren.“
Regulierung als Hürde und Schutzschild
Viele Banker und Berater klagen, dass die strengen Vorgaben der Aufsichtsbehörden den Einsatz von KI bei Geldhäusern deutlich einschränken. „Banken können mit KI nicht einfach rumspielen, wie dies in weniger regulierten Branchen vielleicht möglich ist“, betont Lehneis. „Sie müssen verhindern, dass von ihnen eingesetzte Sprachmodelle halluzinieren oder Kundengruppen diskriminieren.“ Ingolf Zies, Strategievorstand beim Softwareanbieter SAP Fioneer, findet das richtig. „Die Regulatoren verlangen völlig zu Recht, dass KI bei Banken keine Blackbox sein darf“, sagte er. Alle Ergebnisse müssten erklärbar und kontrollierbar bleiben.
„Das ist anspruchsvoll und aktuell in vielen Bankbereichen noch teurer als der unmittelbare Nutzen“, berichtet Zies. „Viele KI-Projekte in Banken scheitern heute nicht am Modell, sondern an fehlender Governance.“ Die hohen regulatorischen Anforderungen helfen den Banken jedoch auch. „Sie stellen eine Eintrittshürde für neue Wettbewerber dar“, betont ZEB-Berater Lehneis. Er geht davon aus, dass Big Techs auch künftig keine klassischen Bankdienstleistungen anbieten werden, weil sie sich sonst einer strengeren Regulierung unterwerfen müssten.
KI birgt Risiko verheerender Cyberangriffe
Das neue KI-Modell „Mythos“ des US-Unternehmens Anthropic hat Banken, Finanzaufseher und Sicherheitsbehörden in Alarmbereitschaft versetzt. Es kann Sicherheitslücken in IT-Systemen in einem bisher ungekannten Ausmaß finden und ausnutzen – und stellt für Geldhäuser zunächst eine Bedrohung dar. „Das Modell wird uns mittelfristig sicherer machen, aber der Weg dahin wird steinig“, sagt Commerzbank-Bereichsvorstand Christoph Bernius. Banker und Finanzaufseher sehen nämlich die Gefahr, dass Mythos und ähnliche KI-Modelle anderer Hersteller in die Hände von Kriminellen geraten, bevor alle Institute damit ihre Systeme gestärkt haben.
„Das Risiko von verheerenden Cyberangriffen ist durch den Einsatz von KI nochmals gestiegen“, warnt auch Berater Strauß. „Das Thema KI-Sicherheit steht bei allen Bankvorständen ganz oben auf der Agenda.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hackerangriff eine Bank lahmlege, sei zwar deutlich geringer als beispielsweise der Abfluss von Einlagen, erklärt der BCG-Partner. „Aber die Auswirkungen eines solchen Vorfalls wären signifikant größer.“



