Das amerikanisch-indische Startup Emergent hat in einer Finanzierungsrunde 130 Millionen US-Dollar eingesammelt und wird nun mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet. Damit erreicht das Unternehmen ein Jahr nach Markteinführung seiner KI-Coding-Plattform den Einhorn-Status. Die Runde wurde von den indischen Wagniskapitalgebern Creaegis und Claypond Capital sowie Sentinel Global aus San Francisco angeführt. Beteiligt waren zudem Khosla Ventures, Softbank Vision Fund 2 und Lightspeed Venture. Insgesamt hat Emergent bisher knapp 230 Millionen Dollar eingesammelt.
Vom Softwaretester zur App-Fabrik
Emergent wurde von den Zwillingsbrüdern Mukund und Madhav Jha gegründet. Mukund Jha war zuvor Softwareingenieur bei Google und technischer Direktor beim indischen Lieferservice Dunzo. Madhav Jha forschte bei Amazon Web Services im Deep-Learning-Team. Im Sommer 2024 startete Emergent im Y-Combinator-Programm. Ursprünglich wollten die Brüder KI-Agenten entwickeln, die Software automatisch auf Fehler prüfen. „Dann wurde uns klar, dass die Technologie, die wir entwickelten, tatsächlich allgemein Aufgaben in der Softwareentwicklung lösen konnte“, sagt Mukund Jha. Der Softwareprüfagent konnte nicht nur testen, sondern auch Code schreiben. Im Juni 2025 veröffentlichte das Startup die erste Version seiner Vibe-Coding-Plattform.
Funktionsweise und Zielgruppe
Die Technologie von Emergent basiert auf einem Team virtueller Entwickler: Ein Agent verteilt Aufgaben, einer schreibt den Code, ein anderer testet ihn, einer baut Sicherheitsmechanismen ein, und einer betreibt die fertige App. Anders als viele Konkurrenten richtet sich Emergent nicht an Hobbyentwickler. „Unsere Nutzer sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die versuchen, ihr Geschäft zu digitalisieren“, sagt Mukund Jha. Das Startup will nicht nur KI-gestützte Anwendungen entwickeln, sondern den gesamten Geschäftsprozess automatisieren. Der neue KI-Assistent „Wingman“ übernimmt Aufgaben wie Terminkoordination, Social-Media-Marketing und Finanzverwaltung. Anweisungen können Nutzer per WhatsApp oder E-Mail geben. „Er führt Telefonate, schaut sich Unterlagen an und kann Rechnungen durchschauen“, sagt Mukund Jha. „Worauf wir hinarbeiten, ist im Wesentlichen der Aufbau dieses Betriebssystems für Unternehmen.“
Wachsender Markt und harte Konkurrenz
Der Markt für Vibe-Coding, bei dem Laien per Sprachbefehl Apps und Websites erstellen, wächst stark. Die Konkurrenz ist groß: Das europäische Startup Lovable befindet sich in Gesprächen über eine 300-Millionen-Dollar-Finanzierung. Aus den USA kommen Cursor, Replit sowie große Modellanbieter wie Anthropic. „Der Markt wächst stark, und infolgedessen ist sehr viel Kapital in die entsprechenden Unternehmen geflossen“, sagt Andre Retterath, Partner beim Frühinvestor Earlybird. „Mir persönlich ist unklar, wie sich neue Unternehmen gegen deutlich besser finanzierte Wettbewerber wie Anthropic, OpenAI oder auch Lovable durchsetzen.“ Emergent verzeichnet nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer, ein Drittel aus den USA und ein weiteres aus Europa. 70 Prozent von ihnen hätten noch nie eine Zeile Code geschrieben.
Zukunftspläne
Emergent beschäftigt bereits 200 Mitarbeiter. Mit dem neuen Kapital will das Startup wachsen und seine KI-Agenten weiterentwickeln. Laut Mukund Jha soll Emergent zur „Softwarefabrik“ für Unternehmen werden, die kein Entwicklerteam unterhalten können. Neben bestehenden Büros in Pleasanton (Kalifornien) und Bengaluru (Indien) plant das Unternehmen einen Standort in Europa. „Der Anteil der Software, die von Nicht-Entwicklern erstellt wird, wird den Anteil der von Entwicklern erstellten Software bei Weitem übersteigen“, sagt Mukund Jha. „Wir sind gerade erst am Anfang dieser Entwicklung.“



