Der Wirtschaftspsychologe Thomas Druyen sieht eine gefährliche Machtverschiebung in der KI-Ära. Wer Energie, Chips und Rechenzentren kontrolliert, bestimme die Spielregeln, schreibt er in seiner Kolumne. Für Demokratien werde dies zur gefährlichen Machtprobe.
Von der Plattform- zur Infrastrukturmacht
Die erfolgreichsten Milliardäre der letzten zwanzig Jahre waren Plattformbesitzer. Sie kontrollierten Suche, Handel, soziale Netzwerke, Cloud, Werbung, Kommunikation und Aufmerksamkeit. Das war bereits eine epochale Macht. Doch jetzt beginnt eine andere Ära. Der neue Megamilliardär besitzt nicht mehr nur digitale Oberflächen. Er greift nach den Voraussetzungen der digitalen Zivilisation selbst: Energie, Netzanschlüsse, Hochleistungschips, Rechenzentren, Kühlung, Datenspeicher, Glasfaser- und Unterseekabel, Satellitensysteme, Cloud-Architekturen und proprietäre Datenbestände.
Aus Plattformmacht wird Infrastrukturmacht. Das ist keine technische Erweiterung des alten Geschäftsmodells, sondern eine historische Machtverschiebung. Die alte Plattformökonomie war schon unverhältnismäßig. Milliarden Menschen nutzten Systeme, deren Regeln von wenigen Unternehmen gesetzt wurden. Aber diese Macht hatte noch eine sichtbare Oberfläche. Man kann Google, Amazon, Facebook, Instagram oder TikTok öffnen, nutzen, kritisieren, politisch angreifen oder im Einzelfall verlassen. Durchsichtig waren diese Systeme nie.
Die unsichtbare Steuerung
Der Nutzer sieht die Oberfläche, der Staat sieht den Regulierungsfall, die Öffentlichkeit ertrinkt in ihrer Meinung. Die eigentliche Steuerung liegt darunter: in Algorithmen, Datenströmen, Rankinglogiken, Werbesystemen und Geschäftsregeln, die nur fragmentarisch überprüfbar sind und sich schneller verändern, als demokratische Verfahren reagieren können. Diese neue Infrastrukturmacht sei gewaltiger als die alte Plattformmacht, betont Druyen. Sie betreffe die Grundlagen der digitalen Zivilisation und stelle Demokratien vor eine Zerreißprobe.
Die Kontrolle über Energie, Chips und Rechenzentren bedeute die Kontrolle über die gesamte KI-Entwicklung. Wer diese Schlüsselressourcen besitze, könne bestimmen, welche KI-Systeme entstehen, wie sie eingesetzt werden und wer Zugang hat. Demokratien müssten daher dringend Maßnahmen ergreifen, um diese Machtkonzentration zu verhindern oder zumindest zu regulieren. Sonst drohe eine neue Form der Abhängigkeit, die noch schwerer zu durchschauen und zu bekämpfen sei als die der Plattformökonomie.



