Der kognitive Geizkragen – ein Begriff aus der Psychologie – beschreibt unsere natürliche Neigung, geistige Anstrengung zu vermeiden. Diese Faulheit wird durch KI-Tools wie ChatGPT verstärkt, die uns das Denken abnehmen. Doch wer das Denken outsourct, verliert langfristig Fähigkeiten und Lebensqualität.
Was ist der kognitive Geizkragen?
Der kognitive Geizkragen, englisch „cognitive miser“, bezeichnet die menschliche Tendenz, geistige Anstrengung zu vermeiden. Ein einfaches Experiment: Rechnen Sie 346 mal 27 im Kopf. Die meisten Leser werden es nicht tun, weil es Energie kostet. Diese Faulheit ist normal, aber überwindbar – und genau das unterscheidet uns von Tieren. Ein Schimpanse kann nicht rechnen, ein Mensch mit Schulbildung schon, er hat nur keine Lust.
Lernen und Üben erweitern den eigenen Möglichkeitsraum. Wer mehrsprachig ist, lebt nachweislich länger. Denken ist gesund. Doch KI verführt dazu, diese Tugend aufzugeben.
Beispiele aus Politik und Medien
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) stehen im Verdacht, KI für Gastbeiträge genutzt zu haben. Die „FAZ“ zog einen angeblichen Voigt-Text zurück, nachdem KI-Nutzung und erfundene Zitate aufflogen. Auch ein Gastbeitrag in der „Welt“ von Voigt und Sven Schulze (CDU) roch nach KI.
Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner ließ einen KI-generierten Artikel in der „Welt“ veröffentlichen, der zu 100 Prozent von Gemini (Google) in „ungefähr einer Sekunde“ erstellt wurde. Springer sprach von einem „Schelmenstreich“ und betonte, der Text spiegele nicht Döpfners Meinung wider. Doch die Botschaft ist klar: Journalistische Arbeit wird als ersetzbar dargestellt.
Studien belegen negative Effekte
Eine chinesische Studie mit fast 27.000 Schülern zeigte: Wer Hausaufgaben mit KI erledigte, bekam bessere Noten für diese Aufgaben, fiel aber in Prüfungen ohne KI um 20 bis 24 Prozent ab. Die gravierendsten Auswirkungen traten erst zwei Jahre später auf. Weitere Studien bestätigen: Menschen, die KI zum Denken und Schreiben nutzen, lernen weniger, sind weniger selbstsicher und unzufriedener mit ihrer Arbeit.
Eine Metaanalyse von 51 Studien, die einen großen positiven Einfluss von ChatGPT auf die Lernleistung behauptete, wurde wegen „Diskrepanzen“ vom Fachjournal „Nature Humanities and Social Sciences Communications“ zurückgezogen.
Kognitives Outsourcing ist kein Werkzeug wie andere
KI unterscheidet sich von Taschenrechnern oder Navigationssystemen: Diese Werkzeuge erzeugen keinen Output, den Menschen als eigene Leistung ausgeben. KI hingegen simuliert Denken und Schreiben. Wer KI nutzt, um Gedanken zu formulieren, übt nicht mehr selbst. „Übung macht den Meister“ – vom Radiohören lernt man nicht Klavierspielen.
Der Schriftsteller Micah Nathan vom MIT berichtet, dass seine Studenten KI zum kreativen Schreiben nutzten und sich danach „tränenreich“ und „voll Selbstekel“ fühlten. Seine Schlussfolgerung: „Die Gefahr ist, dass die Studierenden sich daran gewöhnen, die Reibung zu überspringen, die vorher ihren Schreibprozess sichtbar machte.“
Fazit: Denken ist gesund, Outsourcing macht dumm
Die kognitive Psychologie lehrt: Wir Menschen sind denkfaul, aber wer dem Geizkragen nachgibt, wird nicht klüger oder zufriedener. KI kann ein nützliches Werkzeug sein, aber wer das Denken an die Maschine überlässt, wird zurückfallen. Politiker, die KI für Gastbeiträge nutzen, signalisieren Verachtung für ihr Publikum. Es ist Zeit, den kognitiven Geizkragen wieder zu überwinden.



