Humanoide Roboter: Revolution für den deutschen Mittelstand
Humanoide Roboter: Revolution im Mittelstand

Schon in wenigen Jahren könnten humanoide Roboter zur festen Größe im deutschen Mittelstand werden – und gleich mehrere Probleme auf einmal lösen. Das zeigt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom, nach der mehr als die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen erwartet, dass der Einsatz dieser Roboter dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann. Fast sieben von zehn Firmen sind der Auffassung, dass humanoide Roboter Arbeitsunfälle reduzieren können.

Robody: Hilfe für Pflegebedürftige

Rafael Hostettler, CEO des Münchner Robotik-Start-ups Devanthro, treibt die Zukunft täglich um. „Die meisten Pflegebedürftigen möchten so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden bleiben und so viel wie möglich selbst machen“, sagt er. Mit seinem humanoiden Roboter Robody will der Unternehmer eine Lösung liefern: Die Maschine übernimmt viele Aufgaben, die älteren Menschen schwerfallen, und entlastet damit gleichzeitig die ambulanten Pflegedienste.

Die Pfleger kommen zwar nach wie vor morgens, um die Patienten zu waschen oder ihnen Medikamente zu bringen. Weitere Aufgaben können sie aber aus dem Homeoffice erledigen, etwa indem sie Robody per VR-Brille Medikamente ferngesteuert verabreichen lassen. Auch beim Kochen kann der Roboter assistieren und je nach Fähigkeiten des Patienten genaue Anweisungen geben, wie dieser Schritt für Schritt ein Gericht zubereitet. Gemeinsam wird eine Einkaufsliste erstellt, die Bestellung beim Onlinehändler übernimmt die Maschine.

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690 Euro monatlich kostet dieser Service den Patienten, der den Humanoiden mietet und nicht kauft. Von August an startet Devanthro die Serienproduktion bei einem chinesischen Hersteller. „Die Nachfrage auf Events und Messen ist groß“, sagt Hostettler, der seinen Robody auch privaten Haushalten anbieten will.

Große Chancen, aber auch Skepsis

Noch steckt der Einsatz der menschenähnlichen Maschinen im deutschen Mittelstand in der Erprobungsphase. Die Bitkom-Umfrage zeigt jedoch das Potenzial. „Geopolitische Unsicherheiten, die wirtschaftliche Lage und der demografische Wandel setzen die deutsche Industrie unter Druck“, sagt Bitkom-Vizepräsidentin Tanja Rückert. „Humanoide Roboter können Unternehmen leistungsfähiger machen und Aufgaben dort übernehmen, wo Arbeiten besonders gefährlich und risikobehaftet sind oder das Personal fehlt.“

Fast alle Befragten können sich langfristig vorstellen, mit dieser Technologie zu arbeiten, aktuell sind es laut Bitkom aber erst sechs Prozent. Fragt man die Beschäftigten, überwiegt wegen der Sorge um den Arbeitsplatz bei 62 Prozent die Skepsis.

Schaeffler: Pilotprojekte in der Produktion

Was schon heute möglich ist, zeigen Unternehmen wie Schaeffler. In Pilotprojekten integriert der Autozulieferer seit Anfang vergangenen Jahres humanoide Roboter unter realen Bedingungen in der Produktion. Das Modell „Digit“ von Agility Robotics etwa setzt im US-Werk in South Carolina schwere, mit Bauteilen gefüllte Metallbehälter präzise auf Förderbänder. „Indem das System diese monotonen und körperlich belastenden Tätigkeiten übernimmt, sichert Schaeffler einen stabilen Produktionsablauf und entlastet Mitarbeitende spürbar von ergonomisch anspruchsvollen Arbeitsschritten“, sagt Jochen Schröder, Vorstand Produktion, Supply Chain Management und Einkauf bei Schaeffler.

Im ersten Schritt konzentrieren sich die Herzogenauracher auf die Modernisierung bestehender, historisch gewachsener Werke, in denen maximale Mobilität und Flexibilität auf engem Raum gefragt sind. Die Integration in die bestehenden Infrastrukturen sei erstaunlich schnell und mit minimalem Anpassungsaufwand erfolgt. „Entscheidend ist die richtige Auswahl der Anwendungsfälle, die enge Einbindung der Teams vor Ort und eine schrittweise Integration in bestehende Prozesse“, sagt Schröder. „Akzeptanz entsteht nur durch spürbare Erleichterung im Alltag.“

Die Belegschaft habe positiv und konstruktiv reagiert. Gleichzeitig mangelt es nicht an Herausforderungen. Ein 24-Stunden-Betrieb erfordert derzeit noch einen erheblichen technischen Support. Zudem müssen die zugrunde liegenden KI-Modelle an die spezifischen Bedingungen jeder Produktionsstätte angepasst und kontinuierlich trainiert werden.

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Intelligenter Verbund statt Insellösungen

Der größte Vorteil der Humanoiden gegenüber Cobots, einzelnen Roboterarmen und fahrerlosen Transportsystemen besteht für Rory Sexton darin, dass die menschenähnlichen Roboter keine Insellösungen sind, sondern Teil eines intelligenten Produktionssystems: Verschiedene Robotiklösungen arbeiten vernetzt zusammen und lernen kontinuierlich voneinander. „In dieser Flexibilität liegt ein großer Mehrwert auch für mittelständische Unternehmen“, so der geschäftsführende Direktor der Münchner Agile Robots.

2018 war das heutige Scale-up als Ausgründung aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an den Start gegangen und beschäftigt inzwischen 3500 Mitarbeitende weltweit. Tätigkeiten, die bisher schwer zu automatisieren waren, weil sie Fingerfertigkeit und Anpassungsfähigkeit erforderten, könnten jetzt von humanoiden Robotern wie dem Agile One von Agile Robots übernommen werden, etwa im Materialhandling und -transport oder bei der Bedienung von Maschinen.

Neura Robotics: Rekordfinanzierung von 1,4 Milliarden Dollar

Wie viel Fantasie im Robotikmarkt steckt, hat jüngst Neura Robotics bewiesen. Dem 2019 gegründeten Metzinger Unternehmen gelang mit 1,4 Milliarden US-Dollar die größte Finanzierungsrunde in Deutschland. Auch Schaeffler zählte zu den Investoren. Insidern zufolge liegt die Bewertung heute bei sieben Milliarden US-Dollar.

Für CEO David Reger liegt der große Vorteil der Humanoiden in ihrer Flexibilität. „Der Roboter kann perspektivisch an unterschiedlichen Stationen eingesetzt werden, Werkzeuge nutzen, sich in bestehenden Arbeitsumgebungen bewegen und verschiedene Tätigkeiten lernen.“ Für den Mittelstand sei genau das entscheidend, weil viele Betriebe keine Millionen in starre Produktionslinien investieren können oder wollen, sondern flexible Automation brauchen, die mit ihren Prozessen mitwächst. „Ein humanoider Roboter ist für eine Welt gebaut, die bereits für Menschen gestaltet wurde.“

In den kommenden fünf Jahren erwartet Neura Robotics die Marktreife in einer Vielzahl von Bereichen: Lagerlogistik, flexible Montage, Maschinenbedienung, Qualitätskontrolle, einfache Servicetätigkeiten im Gesundheitswesen und im Handel – überall, wo Aufgaben heute noch zu variabel für klassische Automatisierung sind. Aber klar genug für kognitive Systeme.