Wer Annette von Stockhausen trifft, gerät schon nach wenigen Atemzügen auf der großen Steintreppe in intellektuell erfrischende Gespräche. Die 53-jährige Forscherin arbeitet in der Staatsbibliothek Unter den Linden, genauer im rechten Flügel, wo die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ihren Stammsitz hat. Ihr Blick geht auf den Boulevard, den die Nachmittagssonne golden flutet. „Nur die Fenster sollte man nicht öffnen“, sagt sie lachend, als eine Sirene vorbeiheult.
Das Projekt: Alexandrinische und antiochenische Bibelexegese
Annette von Stockhausen leitet das Projekt „Die alexandrinische und antiochenische Bibelexegese in der Spätantike“. Dabei geht es um die Edition sehr alter handschriftlicher Texte, also um die Herausgabe in Buchform mit wissenschaftlichem Apparat. Fünf Kolleginnen und Kollegen sowie zwei Hilfskräfte arbeiten in ihrer Abteilung. Zur Langen Nacht der Wissenschaften am 6. Juni können Besucher ihnen über die Schulter schauen und Fragen stellen.
Die Bedeutung von Handschriften
Handschriften sind neben archäologischen Funden die wichtigste Quelle unseres Wissens über vergangene Epochen. Auf Pergament oder Papyrus geschrieben, sind sie Zeugnisse eines Geistes, der in ihnen weiterlebt. „Ursprünglich war alle Überlieferung mündlich“, erklärt von Stockhausen. Später begann die schriftliche Fixierung, aber die Materialien waren vergänglich. So half über Jahrhunderte nur das Abschreiben und Kopieren, vor allem in Klöstern. „Zwischen der Entstehung eines Textes und der frühesten erhaltenen Handschrift klaffen in der Regel Lücken von mehreren hundert Jahren“, sagt sie.
Die Arbeit am Computer
Wer erwartet, dass von Stockhausen sich mit Stoffhandschuhen über fragiles Pergament beugt, wird ernüchtert: Alles geschieht am Computer. Die meisten Handschriften sind digitalisiert. „Gelegentlich reisen wir noch, um bestimmte Passagen am Original zu überprüfen“, meint sie lachend. Die Arbeit konzentriert sich auf Kommentare und Predigten, die Passagen des Alten Testaments interpretieren. Auf ihrem Monitor leuchtet eine Handschrift aus dem 11. Jahrhundert aus der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Sie enthält eine Predigt von Severian von Gabala, gehalten um 402 in Konstantinopel.
Severian von Gabala und Eusebius von Caesarea
Severian war oströmischer Bischof aus Gabala, dem heutigen Dschabla in Syrien. Seine Predigt legt Verse der Genesis aus und trägt den lateinischen Titel „Quomodo animam acceperit Adamus“. Die Predigt ist in 18 Handschriften überliefert. Von Stockhausen vergleicht die Varianten auf einer farbigen Tabelle. Mittelalterliche Kopisten bemühten sich um Genauigkeit, aber Fehler konnten unterlaufen. Das Auslesen des griechischen Textes erfolgt mit KI-Unterstützung. Am Ende steht eine wissenschaftliche Edition auf Griechisch. Eine Kollegin arbeitet an der Edition von Eusebius von Caesareas Kommentar zum Psalter. Eusebius war Bischof und Biograf Konstantins des Großen.
Warum diese Autoren?
Von Stockhausen reizt an Severian die schwierige Überlieferungslage. „Interessant ist, wie er biblische Texte für normale Christen erklärt hat“, sagt sie. Die Autoren folgen entweder der alexandrinischen Exegese (allegorisch) oder der antiochenischen (wörtlich). Das gibt Einblicke in die Wissensproduktion der Spätantike. Linguistisch ist die Epoche faszinierend, da das Griechisch sich bereits weiterentwickelt hatte. Die Texte zeigen auch, wie sich das frühe Christentum vom Judentum löste. Die Lange Nacht der Wissenschaften bietet die Möglichkeit, mit von Stockhausen und ihren Kolleginnen zu sprechen.



