Villa Rezek: Rettung einer Ikone des Neuen Bauens in Wien
Villa Rezek: Rettung einer Ikone des Neuen Bauens

Die Villa Rezek auf den Hügeln des Wiener Waldes im Bezirk Währing erstrahlt wieder in ihrem zart-beigen Ton – ein Happy End für die Denkmalpflege. Die Ikone des Neuen Bauens stand kurz vor dem Abbruch, nachdem die letzten Bewohner sämtliche Einbauten entfernt und nur den Rohbau hinterlassen hatten. Vom Architekten Hans Glas, einem Schüler von Adolf Loos, war kaum mehr als der Name bekannt. Doch Architektur-Aficionados und eine Stiftung erwarben die Ruine, stellten sie unter Schutz und begannen eine jahrelange Rekonstruktion des Terrassenhauses mit spektakulärem Blick auf Wien.

Ein Meisterwerk der Moderne als Zeitmaschine

Das viergeschossige Haus ist nicht nur als Juwel der Moderne gerettet, sondern fungiert heute als Zeitmaschine. Es bezeugt die Baukunst der Zwischenkriegsjahre und erzählt die Geschichte seiner ersten Bewohner. 1934 bezog das Ärztepaar Anna und Philipp Rezek mit seinen beiden Töchtern die Villa, konnte sich jedoch nur vier Jahre daran erfreuen. Als Juden wurden sie nach dem „Anschluss“ Österreichs vertrieben – ebenso wie der Architekt Hans Glas. Die Familie emigrierte in die USA, Glas nach Kalkutta.

Vertreibung und Verlust der Moderne

1938 erfasste Österreich eine Abwanderungswelle jüdischer Forscher, Künstler und Intellektueller – ein Braindrain. Sie hatten als Auftraggeber oder Kreative die Moderne vorangetrieben. Nach 1945 kehrten nur wenige Überlebende zurück, sodass die Erinnerung verloren ging und Bauzeugnisse verkamen. Die Kunsthistorikerin Caroline Wohlgemuth, die zu Architekten und Gestaltern dieser Epoche forscht, beschreibt das Phänomen knapp: „Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.“

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Äußere Erscheinung: Nautische Moderne

Äußerlich gleicht die Villa Rezek einem Hochseeschiff mit Terrassen wie Schiffsdecks und Bullaugen. Das gebogene Geländer wirkt wie eine Reling – typisch für die Formsprache des Neuen Bauens, die als nautische Moderne bezeichnet wird. Mies van der Rohes Haus Tugendhat in Brünn könnte Hans Glas zum Wintergarten inspiriert haben: Bodentiefe Fenster geben den Blick vom Wohnbereich zu den Pflanzen und nach draußen frei.

Innenraum: Gediegene Wiener Wohnkultur

Das Innere der Villa Rezek überrascht: Statt kühler Stahlrohrmöbel herrscht eine gediegene, fast biedermeierliche Atmosphäre mit tiefen Sofas und gemütlichen Sesseln. Caroline Wohlgemuth erklärt: „In Wien arbeiteten die verschiedenen Generationen nebeneinander, verbanden sich Avantgarde und Behaglichkeit – Wiener Wohnkultur eben.“ Technisch war die Villa top: Zentralheizung, Kühlschrank und ein Abwurfschacht für schmutzige Wäsche. Die versenkbaren Schiebefenster hatte Glas von Spitalbauten übernommen, wo sie für Tuberkulose-Stationen entwickelt worden waren – für die Ärzte Rezek besonders interessant.

Farbenpracht und gerettete Möbel

Die Einrichtung überrascht mit Farbigkeit: Die rekonstruierten Einbauschränke im Ankleidezimmer leuchten in sonnigem Gelb, die Regale in den Kinderzimmern in Mintgrün und Orangerot. Von den Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus Zeitschriften war dies nicht zu vermuten. Wohlgemuth und der Architekt Maximilian Eisenköck stießen bei Recherchen auf Nachfahren in den USA. Agnes Rezek, die ihrem Mann mit den Kindern ins Exil folgte, hatte sämtliche Möbel und die Bibliothek an den Nationalsozialisten vorbei über den Hamburger Hafen in die USA manövrieren können – ein Wunder, da Container emigrierender Juden oft aufgebrochen und geplündert wurden.

Ein seltener Fall erfahrbarer Geschichte

Die Villa Rezek ist ein seltener Fall, bei dem die Geschichte des Hauses und das Leben der Familie durch viele wieder hervorgeholte Details, Möbel und den rekonstruierten Garten zu einer erfahrbaren Einheit werden. Sie erzählt nicht nur vom individuellen Schicksal der ersten Bewohner, sondern auch von der Vertreibung vieler Nachbarn. Das gut situierte Währing war eine Enklave der Moderne, deren Bauherren vornehmlich jüdisch waren.

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Berliner Pendant: Haus Lewin in Zehlendorf

Der glückliche Verlauf der Wiederherstellung der Villa Rezek verweist auf ein Berliner Pendant, das ebenfalls zur Zeitmaschine werden könnte: Haus Lewin am Waldsängerpfad 3, entworfen von Peter Behrens für den Sozialpsychologen Kurt Lewin und seine Frau Gertrud 1929/30. Wie das Wiener Ensemble ist es mit Flachdach, ineinandergreifenden Kuben und Fensterbändern auf der Website von Iconic Houses gelistet – allerdings unter „zu verkaufen“. Es wartet darauf, in seinen einstigen Zustand zurückgeführt zu werden; die baulichen Elemente sind alle noch vorhanden. Große Teile des Mobiliars existieren samt Einbauten, darunter eine gläserne Garderobe mit Hutablage im Eingang. Die Möbel stammen nicht von Behrens, sondern von Marcel Breuer, der nach einem Streit mit dem Architekten beauftragt wurde. Auch der Garten ist als Erweiterung der markanten Architektur gestaltet.

Ähnliche Schicksale, unterschiedliche Wege

Die Schicksale der Bewohner ähneln sich, nicht die der Häuser. Die Lewins mussten als Juden ebenfalls emigrieren, bereits 1933. Während die Villa Rezek von einem NSDAP-Mitglied übernommen wurde, gefolgt von den Amerikanern und acht weiteren Besitzern, überließen die Lewins ihr Heim dem Leiter des jüdischen Kulturbundes Fritz Wisten und seiner Familie, die es zu schätzen wussten. Die Töchter lebten bis zuletzt im Haus und erhielten so das Interieur. Erst jetzt soll es in andere Hände gegeben werden – unter hohen denkmalpflegerischen Auflagen. Ihm sind Architekturfans und eine Stiftung als Träger wie in Wien zu wünschen.