Graphic Novel „Langer Atem“: Tauchgang durch drei Generationen in Südkorea
„Langer Atem“: Tauchgang durch drei Generationen in Südkorea

Die südkoreanische Zeichnerin Jeong-in Mun hat ihre autobiografische Graphic Novel „Langer Atem“ (Rotopol, 220 Seiten, 28 Euro) veröffentlicht. Darin schildert sie das Leben ihrer Großmutter Chunja, die als sogenannte Haenyeo – „Seefrau“ – vor der Insel Jeju taucht, um Meeresfrüchte zu ernten. Die Arbeit ist hart und gefährlich, aber sie ermöglicht wirtschaftliche Unabhängigkeit. Muns Werk ist zugleich die Geschichte von drei Generationen von Frauen, geprägt von Entbehrungen, aber auch von der Schönheit der Natur.

Der harte Alltag der Haenyeo

In den 1960er Jahren, als die Familie immer weniger zu essen hat, beginnt die alleinerziehende Mutter Chunja mit dem „Muljil“ – dem Tauchen nach Meeresfrüchten. Ohne Sauerstoffflasche und mit minimaler Ausrüstung tauchen die Frauen bis zu 20 Meter tief. Wie Apnoetaucherinnen trainieren sie, lange die Luft anzuhalten. Täglich fährt Chunja mit einer Gruppe anderer Haenyeo aufs Meer und taucht von früh bis spät. „Wenn die anderen einmal tauchen, tauche ich zweimal. Dreimal. Bis aus meinem Atem ein langer Atem wird“, zitiert Mun ihre Großmutter.

Poetische Bildsprache und kulturelle Würdigung

Die Künstlerin, die in Frankreich lebt, erschafft poetisch anmutende Bilder: Algen umhüllen Chunja, sie verschmilzt optisch mit einem Delfin, eine Libelle verwandelt sich über mehrere Panels in eine Taucherin. Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen zollen der Haenyeo-Kultur Respekt, die von der UNESCO 2016 als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt wurde. „Langer Atem“ ist Jeong-in Muns erste Graphic Novel.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Schattenseiten: Abwesenheit der Mutter

Die Arbeit bedeutet für die Kinder vor allem die Abwesenheit der Mutter. Sie ist nicht da, wenn die Kinder nach Hause kommen, hat keine Zeit für den Elterntag. In einer Parallelmontage kontrastiert Mun Szenen aus dem Meer mit strömendem Regen und starkem Wellengang, während die Kinder sorgenvoll im kargen Haus warten. Die Kinder erscheinen winzig in der sonst leeren Hülle des Hauses.

Drei Generationen, drei Stimmen

Jede der drei Frauen erhält eine eigene Stimme und schildert Vergangenes und Gegenwärtiges in inneren Monologen. Die Comickünstlerin lässt Kindheitserinnerungen, Flashbacks und Traumsequenzen ineinanderfließen. Einfühlsam gibt sie Dialoge zwischen Großmutter und Enkelin wieder. Themen wie Chunjas Hoffnungslosigkeit angesichts der Armut und Jeong-ins Neuanfang in Europa werden angesprochen. Beide Frauen kennen Gefühle von Einsamkeit und Traurigkeit.

Das Meer als verbindendes Element

Das verbindende Element zwischen den Generationen ist das Meer. Schon als Kind fühlte sich Jeong-in beim Tauchen sicher: „Denn Omas Meer würde immer auf mich aufpassen.“ Chunja, die ihren Beruf noch in hohem Alter ausübt, gab ihr Wissen an die Enkelin weiter und schuf ein Bewusstsein für die Schönheit der Natur. In einer Szene ist Jeong-in als Jugendliche am Strand zu sehen, die eine Krabbe genau betrachtet – ein Verweis auf die abstrakte Malerei und Demut gegenüber dem Meer.

Bedrohung durch Klimawandel

Der Lebensraum Meer ist durch Klimaveränderung und Umweltzerstörung gefährdet. Schlechtere Ernten tragen dazu bei, dass die Zahl der Haenyeo kontinuierlich abnimmt. Ein anderer Grund ist, dass Mütter ihren Töchtern heute ein weniger hartes Leben ermöglichen können. Mit ihrer vielschichtigen Graphic Novel setzt Jeong-in Mun ihrer Großmutter und allen anderen Haenyeo ein Denkmal.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration