40 Jahre „König von Deutschland“: Rio Reisers Ohrwurm wird zur linken Folklore
40 Jahre „König von Deutschland“: Rio Reisers Ohrwurm

Rio Reisers „König von Deutschland“ ist seit 40 Jahren ein fester Bestandteil der deutschen Musiklandschaft. Der Song, der im Sommer 1986 auf dem Solo-Debütalbum „Rio I.“ erschien, entwickelte sich schnell zu einem Ohrwurm, der bis heute Generationen verbindet. Reiser, der vor 30 Jahren im Alter von nur 46 Jahren starb, schuf mit diesem Lied eine satirische Hymne auf die bundesdeutsche Politik und Popkultur der 1980er Jahre. Produziert von Annette Humpe (Ideal, Ich + Ich), stieg das Album Mitte Juni 1986 in die deutschen Charts ein und erreichte Anfang Juli als Höchstplatzierung Rang 26.

Satire auf die Bundesrepublik der 80er

Der Text von „König von Deutschland“ ist eine pointierte Abrechnung mit den politischen und gesellschaftlichen Zuständen der damaligen Zeit. Reiser fantasierte darin über die Abschaffung der Bundeswehr zugunsten von Hitparaden, die Vorhersage von Lottozahlen und die Beseitigung von lästigen Gerüchen wie stinkenden Socken und Autos. Die Zeile „Jede Nacht um halb eins, wenn das Fernsehen rauscht“ spielt auf die damals übliche Sendepause der TV-Sender an. Das lyrische Ich malt sich aus, wie es wäre, Kanzler, Kaiser, König oder Königin zu sein – eine Utopie, die bis heute nachhallt.

Von Helmut Kohl bis Friedrich Merz: Immer wieder aktualisiert

Der Song hat im Laufe der Jahre zahlreiche Aktualisierungen erfahren. Reiser selbst veröffentlichte 1994 eine Version namens „König von Deutschland 94“. Auch andere Künstler wie Daniel Küblböck, Bill Kaulitz, Bela B. und Roger Cicero coverten den Song, teils mit umgedichteten Texten. Besonders beliebt ist die Stelle „Ich denk' mir, was der Kohl da kann, das kann ich auch“, die sich mühelos auf spätere Kanzler wie Gerhard Schröder, Angela Merkel, Olaf Scholz oder CDU-Chef Friedrich Merz übertragen lässt. Das NDR-Satiremagazin „extra 3“ dichtete den Song 2021 als „Wenn ich Kanzler von Deutschland wär“ um, mit Zeilen wie „Ich hab keine Empathie für Migranten, für Kurzarbeiter und auch nicht für Klima-Tanten“.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Prominente Namen aus Politik und Kultur

Im Originaltext von 1986 werden mehrere bekannte Persönlichkeiten genannt. Neben Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) taucht US-Präsident Ronald Reagan auf, den Reiser als „Ronny“ bezeichnet und dem er in die Waden beißen will. Auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) werden erwähnt: „Ich wär' schicker als der Schmidt und dicker als der Strauß.“ Aus der Unterhaltungsbranche nennt Reiser den Liedermacher Reinhard Mey, der des Königs Barde sein soll, und das „Verstehen Sie Spaß?“-Moderationsduo Paola und Kurt Felix, die als Schweizer Garde 48 Stunden lang ihre Show ansehen müssten. Besonders hervorgehoben wird Robert Lembke, der Moderator der Quizshow „Was bin ich?“, der 24 Stunden lang im Fernsehen laufen soll.

Historische Figuren und der „König“-Mythos

Reiser integrierte auch historische Persönlichkeiten in seinen Text. So erwähnt er den italienischen Komponisten Antonio Vivaldi, den er tagein, tagaus hören würde, und die österreichische Kaiserin Elisabeth (Sissi): „Ich hätte zweihundert Schlösser und wär' nie mehr pleite; Ich wär' Rio der Erste, Sissi die Zweite.“ Diese Mischung aus Politik, Popkultur und Geschichte machte den Song zu einem zeitlosen Klassiker. Auf Reisers letzter Ruhestätte auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg erinnert ein Herz mit Krone an den „König von Deutschland“.

Ein Evergreen mit Folklore-Charakter

Heute hat „König von Deutschland“ den Status eines Volksliedes erreicht. Es wird in Theaterstücken gerne aufgegriffen und meist absichtlich verändert, um aktuelle politische Bezüge herzustellen. Ob es Reisers größter Hit ist, bleibt umstritten. Neben diesem Song finden sich auf dem Album „Rio I.“ auch Klassiker wie „Alles Lüge“ und „Junimond“. Und natürlich die Hits seiner früheren Band Ton Steine Scherben, allen voran „Halt dich an deiner Liebe fest“. Fest steht: „König von Deutschland“ ist mehr als nur ein Lied – es ist ein kulturelles Phänomen, das die deutsche Geschichte und ihre Widersprüche auf humorvolle Weise spiegelt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration