Das Festspieljubiläum in Bayreuth endet für das Team der „Ring“-Inszenierung mit einem zwiespältigen Resümee: Die „Götterdämmerung“, der vierte und letzte Teil von Richard Wagners monumentaler Tetralogie, wurde von einer KI-generierten Bildcollage begleitet, die das Publikum in der Mehrheit ablehnte. Quittung war ein lautstarkes Buh- und Pfeifkonzert, das den Kurator Marcus Lobbes und sein Team empfing, als sie nach der Vorstellung die Bühne betraten. Die musikalischen Leistungen hingegen wurden von den Gästen mit lang anhaltendem Applaus bedacht.
Die Verantwortlichen der Festspiele hatten in diesem Jubiläumsjahr bewusst auf den Einsatz moderner Technologie gesetzt und beschrieben den KI-„Ring“ als Experiment. Schon die vorangegangenen Teile des Zyklus hatten unterschiedliche Reaktionen ausgelöst; nun fand die Auseinandersetzung in der „Götterdämmerung“ ihren Höhepunkt.
Projektionsflut mit Helmut Kohl und den Twin Towers
Für die Bühne entwickelte Lobbes, Leiter der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, gemeinsam mit seinem Team eine Bildervorauswahl, die die KI anschließend zu einem gigantischen Projektionsstrom verarbeitete. Auf der Bühne überlagerten sich Szenen früherer „Ring“-Inszenierungen, historische Aufnahmen und digitale Verfremdungen. Zu den auffälligsten Motiven zählten ein Foto von Altkanzler Helmut Kohl, die am 11. September 2001 qualmenden Twin Towers und eine Sonderbriefmarke zur deutschen Wiedervereinigung. Viele Bilder waren nur für Sekundenbruchteile zu sehen, verzerrten sich, vermischten sich und erschwerten eine Einordnung.
Das Publikum reagierte verunsichert: Das, was die KI auf die Bühne warf, entzog sich einer klaren Dramaturgie. Der Vorwurf des „Bildersalats“ machte die Runde, mehrfach war zu hören, dass eine vermittelnde Hand oder eine erkennbare Regie gefehlt habe. Besonders kritisch bemerkten Beobachter, dass die Sänger auf der Bühne über weite Strecken statisch wirkten und die Projektionen sie sogar zeitweise verdeckten.
Harald Schmidt sieht die KI auf dem Lernweg
Einer, der es mit Humor nahm, war Harald Schmidt. Der Entertainer, der in diesem Jahr erstmals in Bayreuth zu Gast war, zeigte sich nach der Vorstellung der Deutschen Presse-Agentur gegenüber gelassen. Die Bildfolge der „Götterdämmerung“ sei ruhiger gewesen als im „Rheingold“, sagte er – und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wahrscheinlich lernt die KI dazu.“ Einem klassischen Opernabend trauere er aber doch hinterher: „Ich vermisse aber schon auch ein bisschen Requisite. Ein Schwert wäre schön, ein Speer, ein Amboss, irgendeine Form von Tarnkappe.“ Schmidt nannte die KI-Produktion „ein Experiment“, äußerte aber die Erwartung, „dass man sich dann doch freut, wenn es wieder eine richtige Inszenierung ist, wenn auch gespielt wird.“
Musikalische Sternstunde mit Thielemann und einem starken Ensemble
Je unverständlicher die Bilder wurden, desto mehr konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf den Orchester- und Gesangspart. Das von Christian Thielemann geleitete Orchester spielte mit enormer Wucht und Präzision; der Chor und das Solistenensemble sorgten für Gänsehautmomente. Besonders gefeiert wurden Klaus Florian Vogt als Siegfried, Mika Kares als Hagen und Camilla Nylund als Brünnhilde. In den Schlussszenen, wenn Wagners Musik die Apokalypse beschwört, wirkte die Verbindung aus Klang und Bühne einmal mehr als bewegendes Gesamterlebnis.
Trotz des Buhs für das Regieteam ist die Debatte über den Einsatz Künstlicher Intelligenz am Bayreuther Hügel damit nicht beendet. Die Festspiele haben – wie schon bei früheren Innovationen – ein Ausrufezeichen gesetzt, auch wenn die Mehrheit des Festivalpublikums dem Experiment eine klare Absage erteilte. Die „Götterdämmerung“ wird man so schnell nicht vergessen: als musikalischen Triumph, aber auch als warnendes Beispiel für den schwierigen Dialog zwischen Mensch und Maschine auf der Bühne.
Dieser Artikel basiert auf einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa).



