Die US-amerikanische Künstlerin Betye Saar, eine Pionierin der Black-Power-Bewegung, ist am vergangenen Sonntag im Alter von 99 Jahren in Los Angeles gestorben. In dieser Woche wäre sie 100 Jahre alt geworden. Ihr Werk, das sich über sechs Jahrzehnte erstreckt, hat die Auseinandersetzung mit Schwarzer Identität und Rassismus nachhaltig geprägt.
Leben und künstlerischer Durchbruch
Saar wurde 1926 in Los Angeles geboren und begann ihre Karriere als Zeichnerin. Bekannt wurde sie jedoch vor allem für ihre Assemblagen, in denen sie seit den 1960er Jahren gefundene Objekte mit Zeichnungen, Drucken und Fotografien kombinierte. Ihr Durchbruch gelang mit dem Ankauf ihres Bildes „Black Girl’s Window“ durch das Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Das Werk zeigt die Silhouette einer Schwarzen Person, die aus einem hölzernen Rahmen blickt, umgeben von neun teils mystischen Symbolen. Saar selbst bezeichnete das Bild als autobiografisch – es entstand im Jahr ihrer Scheidung und thematisiert Einsamkeit und Isolation, die nicht nur gesellschaftlicher Ausgrenzung geschuldet waren.
Das Politische und das Private verschmelzen in Saars Arbeiten häufig. In ihrem bekanntesten Werk, „The Liberation of Aunt Jemima“ von 1972, griff sie das rassistische Stereotyp der lächelnden Dienerin auf, das seit 1889 die Verpackung einer Pfannkuchenmischung zierte. Saar stattete die Figur mit einer Black-Power-Faust und einer Schrotflinte aus und schuf so ein kraftvolles Symbol des Widerstands. Die Marke verschwand erst 2021 aus den Regalen.
Spiritualität und Einfluss
Ein wiederkehrendes Thema in Saars Werk war die Spiritualität. Sie verband afrikanische Traditionen mit persönlichen Erfahrungen und schuf Assemblagen, die politische Botschaften mit mystischen Elementen verweben. Die Bürgerrechtlerin Angela Davis soll sich unter anderem von Saars aufwühlenden Arbeiten zu ihrem Engagement inspirieren lassen haben. Saar selbst hielt stets an ihrem Glauben fest, dass Kunst die dunkelsten Momente und tiefsten Ängste überwinden könne.
Ihre Werke wurden in den USA in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter 2019 eine große Retrospektive am Los Angeles County Museum of Art (LACMA). In Deutschland blieb Saar lange weniger bekannt, doch im Mai 2021 ehrte die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig sie mit dem Wolfgang-Hahn-Preis. Die Gesellschaft kaufte ihre Assemblage „The Divine Face“ von 1971 an. Gastjuror Christophe Cherix würdigte Saar bei der Preisverleihung als Schlüsselfigur der US-amerikanischen Kunst: „Ihre Assemblagen aus den 1960ern und frühen 1970ern verknüpfen Fragen von Ethnie, Politik und übernatürlichen Glaubenssystemen mit ihrer persönlichen Geschichte. Saar, die in einer von Segregation geprägten Gesellschaft aufwuchs, hat über all die Jahre an ihrem Glauben festgehalten, dass Kunst unsere finstersten Momente und tiefsten Ängste überwinden kann. Heute schöpft eine neue Generation von Künstler*innen aus ihrem überwältigenden Werk.“
Vermächtnis
Betye Saar gilt als Inspirationsquelle für eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Schwarzer Identität und Rassismus auseinandersetzen. Ihr Tod hinterlässt eine Lücke in der Kunstwelt, doch ihr Werk bleibt als Zeugnis ihres Kampfes für Gerechtigkeit und Gleichheit bestehen. Sie starb friedlich in ihrem Zuhause in Los Angeles, wenige Monate vor ihrem 100. Geburtstag.



