Everytime: Cannes-Preisträger erzählt von Trauer ohne Kitsch
Everytime: Cannes-Preisträger über Trauer ohne Kitsch

Das Drama „Everytime“ der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner hat in Cannes den Hauptpreis der Nebenreihe Un Certain Regard gewonnen. Der Film erzählt feinfühlig von Trauer und Verlust, ohne dabei kitschig zu werden. Ab Donnerstag ist er in den deutschen Kinos zu sehen.

Eine Familie nach dem plötzlichen Tod der Tochter

Die Handlung beginnt in Berlin: Die alleinerziehende Mutter Ella (Birgit Minichmayr) lebt mit ihren beiden Töchtern Jessie (Carla Hüttermann) und Melli (Lotte Shirin Keiling) in einer kleinen Wohnung. Die Schwestern teilen sich ein Zimmer und streiten um Privatsphäre. Doch die Umstände ändern sich drastisch, als Jessie nach einer Party mit ihrem Freund Lux (Tristán López) durch eine Tragödie ums Leben kommt. Wollner inszeniert diesen Moment still und fast poetisch: Während die beiden den Sonnenaufgang auf einem Hochhausdach beobachten, verunglückt Jessie.

Die eigentliche Geschichte setzt ein Jahr später ein. Ella und Melli versuchen, im Alltag zu funktionieren. In einer Szene gießt Ella Blumen am Grab und telefoniert nebenbei. Melli liest abends im Bett alte Chats mit ihrer toten Schwester auf dem Handy oder schaut sich Kameraaufnahmen von Jessie als Kind an. Diese Momente berühren, weil sie den Schmerz beobachtend einfangen, statt ihn dramatisch zur Schau zu stellen.

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Urlaub auf Teneriffa bringt Erinnerungen zurück

Als Lux auftaucht, nimmt der Film eine Wendung: Ella entschließt sich, einen ursprünglich geplanten Urlaub mit ihren Töchtern nachzuholen. Mit Lux und Melli reist sie nach Teneriffa, wo unterdrückte Gefühle und Erinnerungen wieder hochkommen. Die Gegenwart mischt sich mit Camcorder-Erinnerungen und surrealen Momenten. Stilistisch wird „Everytime“ oft mit dem Filmdrama „Aftersun“ von Charlotte Wells verglichen – nicht zufällig, denn Kameramann Gregory Oke war auch bei „Aftersun“ für die Kamera verantwortlich. Oke fängt die gleißende Sonne und den Berliner Sommer in warmen Farben ein.

Birgit Minichmayr überzeugt als trauernde Mutter

Besonders Birgit Minichmayr verleiht ihrer Figur eindringliche Tiefe. Sie spielt Ella als Frau, die sich keine Zeit zum Trauern lässt und versucht, in Bewegung zu bleiben. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, für ihre jüngere Tochter da zu sein und Lux zu trösten, dem viele die Schuld an Jessies Tod geben. Auch ihr fällt es schwer zu vergeben.

Die drei Protagonisten basieren auf Menschen, denen Wollner begegnet ist, wie sie dem US-Magazin „The Hollywood Reporter“ sagte. Sie seien „Nachbilder“ dieser Menschen, die ein Eigenleben entwickelt hätten. Interessiert habe sie die Frage, wie die Sonne nach einer solchen Tragödie einfach weiter scheinen könne – die Gleichgültigkeit des Universums. „Die Sonne hängt einfach weiter am Himmel und strahlt in schlichter, ahnungsloser Unschuld, als hätte sich nichts geändert, als wäre nichts geschehen.“

Am Ende des Films lässt Wollner die Sonne am Himmel stehen – sie wirkt eckig, wie aus einem Videospiel entsprungen. Zumindest in „Everytime“ scheint das Universum dann doch innezuhalten.

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