Die Kinostarts der Woche: Und Action! Jobben am Porno-Set
Muriel d’Ansembourgs Berlinale-Film „Truly Naked“ ist hinter der Erotik-Fassade eine zärtliche Coming-of-Age-Romanze. Was die aktuelle Kinowoche außerdem zu bieten hat, lesen Sie hier.
Wie kommt man dazu, als Teenager an einem Porno-Set zu jobben? Muriel d’Ansembourg hat für ihren Coming-Of-Age-Film einen zugegebenermaßen unkonventionellen Rahmen gewählt. Doch inmitten einer Industrie, in der es wenig Raum für Echtes zu geben scheint, lernt der introvertierte Protagonist, was es heißt, sich verletzlich zu machen. Außerdem: Steven Spielberg entwirft eine schaurige Alien-Dystopie („Disclosure Day“) und Stefanie Brockhaus begleitet eine saudi-arabische Fahrschullehrerin dabei, ihre Emanzipation auf vier Rädern zu finden („Azza“). Was diese Woche sehenswert ist, lesen Sie hier.
1. Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Fast 50 Jahre nach dem Science-Fiction-Klassiker „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ hat Steven Spielberg – so viel darf an dieser Stelle über das unter hoher Geheimhaltung entwickelte Projekt des Altmeisters verraten werden – wieder einen Film über Aliens gedreht. Genauer gesagt: über Menschen, die auf Aliens reagieren. Da gibt es die Geheimorganisation namens WARDEX, die seit den Vierzigerjahren außerirdisches Leben auf der Erde dokumentiert und erforscht, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und seit einiger Zeit auch unter Ausschluss der amerikanischen Präsidenten, die ja „nach acht Jahren wieder zu Zivilisten werden“, wie der zwielichtige Chef (Colin Firth) bemerkt. Als der ehemalige Hacker und WARDEX-Beauftragte für Cybersecurity Dr. Daniel Kellner (James-Bond-Kandidat Josh O’Connor) erfährt, dass diese Forschung unter menschen- und mit Sicherheit auch alienunwürdigen Bedingungen abläuft, tritt er mit gesichertem Beweismaterial die Flucht an. Sein Ziel: Die Menschheit soll erfahren, dass es im Universum Leben gibt. Auf der Erde bahnt sich währenddessen mal wieder eine Katastrophe an. In Nachrichtenfetzen am Rande der Handlung ist vom Dritten Weltkrieg zu hören, unter anderem in Nordkorea geschieht Ungutes. Spielberg lässt sich Zeit, bis er die Handlungsstränge in seinem insgesamt zweieinhalbstündigen Werk zusammenführt, und erweist sich erneut als Meister der Suspense, wenn er mit genüsslicher Langsamkeit seine Brotkrumen fallen lässt. Eingesammelt werden diese dann allerdings mitunter in rasender Geschwindigkeit. Spielbergs musikalischer Weggefährte John Williams vertont dabei jede Emotion, und was dann noch nicht zu 100 Prozent klar ist, wird von den Figuren ausgesprochen. Für einen Film über Sehnsucht und Faszination ist das wenig förderlich – die Fähigkeit zum Staunen treibt Spielberg seinem Publikum dieses Mal tatsächlich eher aus. (Claudia Reinhard)
2. Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens
In ihrem kunstvoll handgezeichneten Animationsfilm zeigen die französischen Regisseurinnen Liane-Cho Han und Mailys Vallade die Welt aus einer Perspektive, die wir alle erlebt haben, aber nicht erinnern können: die eines Kindes in den ersten drei Lebensjahren. Als Tochter einer belgischen Diplomatenfamilie kommt Amélie im Japan der frühen Sechziger zur Welt. Durch das intensive Geschmackserlebnis belgischer Schokolade wird sie aus einem vegetativen Zustand geworfen und nimmt das Leben fortan in all seiner Pracht und seinem Schrecken auf. Durch die geliebte Nanny kommt Amélie in Kontakt mit der japanischen Kultur. Die Weltwahrnehmung der Zweijährigen wird zum einen über die eingesprochenen, ebenso klugen wie skurrilen Gedanken des Mädchens aus dem Off vermittelt, das alles sieht, aber nicht alles versteht und sich seinen eigenen Reim auf die Welt macht. Zum anderen über die ungeheuer sinnliche Visualität des farbenprächtigen Zeichentrickfilms, dessen Ästhetik zwischen den Gemälden Monets und den Animationsfilmen des japanischen Meisters Hayao Miyazaki changiert. (Martin Schwickert)
3. Truly Naked
Eine Hausarbeit zum Thema Pornosucht bringt den schüchternen Alec (Caolán O’Gorman) mit der taffen Nina (Safiya Benaddi) zusammen, die von ihrer Mutter eine feministische Weltsicht mitbekommen hat. Alec will an seiner neuen Schule in einem britischen Küstenort nicht gleich wieder zum Außenseiter werden. Also hält er nicht nur geheim, dass sein Vater Dylan (Andrew Howard) als Pornodarsteller über die Runden zu kommen versucht, sondern auch, dass er – der Kleinstbetrieb muss sparen – selbst als Kameramann bei den Pornodrehs beteiligt ist. In ihrem Langfilmdebüt erzählt die Belgierin Muriel d’Ansembourg von einer Jugend unter erschwerten Bedingungen. Obwohl die Sexarbeit vor der Kamera breiten Raum einnimmt und mit dem abgehalfterten Penisprotz Dylan und seiner smarten Sexpartnerin (Alessa Savage) glaubwürdige Protagonisten besitzt, ist das Pornosujet nur die Hintergrundfolie für eine zärtliche Coming-of-Age-Romanze. Dass die zahlreichen angerissenen Problemfelder etwas schablonenhaft bleiben, ist angesichts der überzeugenden Schauspielleistungen zu verschmerzen. (Jörg Wunder)
4. Meine Frau weint
Die Tränen im Titel sind nur zu hören. Kranfahrer Thomas (Vladimir Vulević) bekommt einen Anruf von seiner aufgelösten Frau Carla (Agathe Bonitzer) und trifft sie im Park. Aber Worte für die Traurigkeit zu finden, erweist sich als schwierig. Carla erklärt sich später, beim gemeinsamen Spaziergang. Wie das Paar einmal einen Tanzkurs genommen hat, zu dem er nur ihr zuliebe mitkam. Und wie sie später allein hingeht und dort David kennenlernt, der ebenfalls keine Partnerin hat. Das Gefühl der Geborgenheit, das sie in den Armen des Unbekannten verspürte, habe sie vorher nie erlebt. Jetzt ist David tot, gestorben bei einem Autounfall. Thomas hört zu, stellt Fragen, aber versteht nicht. Ihm platze der Kopf, schreit er. Angela Schanelecs „Meine Frau weint“ verzichtet so radikal wie keiner ihrer Filme auf eine konventionelle Dramaturgie, der man noch mit einer Inhaltsangabe beikommen könnte. Stattdessen sehen wir ihren Figuren beim Formulieren von Gefühlen zu. Schanelecs vorsichtiges Ertasten dieser Beziehungen erfordert vom Publikum viel Geduld. Doch wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt. (Andreas Busche)
5. Manipulation
Bösewichte regieren die Welt, Geheimbünde lenken möglicherweise ihre Geschicke, alternative Fakten und Manipulationen unterhöhlen den Glauben an das, was man Realität nennen könnte. Nichts scheint mehr sicher. Stoff für einen dystopischen Thriller? Na klar! Aber bitte nicht so. In David Baldas zweitem Spielfilm „Manipulation“ (schon sein Debüt „Narusitel“ war übel, aber wenigstens kürzer) kämpfen ein tschechischer Geheimbund und eine Underground-Gruppe der katholischen Kirche gegeneinander. Ihre Ziele und Methoden: unklar. Da sich alles im Geheimen abspielt, ist ihr Wirken „in der Welt“ völlig bedeutungslos. Menschen in Kutten kauen mit leerem Geschwafel den Zuschauern ein Ohr ab, und das auch noch in üblem Englisch, was den Dialogen jegliche Lebendigkeit austreibt. Wer hat diesen Schmarrn finanziert? Vermutlich böse Mächte, die möchten, dass wir unsere Zeit sinnvoll nutzen. Lesen Sie die Zeitung, besuchen Sie das Theater und Ausstellungen, beteiligen Sie sich an Diskussionen, oder schauen Sie einen anderen Film, den wir empfehlen. Aber tun Sie sich „Manipulation“ nicht an. (Ingolf Patz)
6. Azza – Dem Patriarchat davonfahren
Erst seit 2018 ist es Frauen in Saudi-Arabien erlaubt, Auto zu fahren. Azza, die heute Frauen das Fahren beibringt, hat sich schon vorher nicht an das Gesetz gehalten: Ihre Unabhängigkeit ist ihr das Wichtigste. Das musste sie auf die harte Tour lernen. Mit 16 wurde sie an einen Mann zwangsverheiratet, der sie wie eine Sklavin behandelte. Sie kämpfte sich mühsam in die Freiheit und ließ sich gegen den Willen ihrer Familie scheiden. Von den herrschenden Geschlechternormen hält Azza nichts. Ihren Töchtern bläut sie ein, bloß ihren Schulabschluss zu machen. Sie selbst hofft, eines Tages ihre eigene Fahrschule eröffnen zu können. Über drei Jahre hat Stefanie Brockhaus ihre Freundin für den nach ihr benannten Dokumentarfilm begleitet. Die Wärme, die sich durch die Verbindung der beiden ergibt, ist vor allem in den seltenen Szenen spürbar, in denen die Regisseurin aus dem Off zu hören ist. Man fühlt und fiebert mit Azza mit und kann nicht anders, als sie zu bewundern: wie selbstbewusst sie ist, wie verbissen sie kontinuierlich für ihre Rechte einsteht und wie sie nie ihren Humor verliert. (Emma Rotermund)



