Exakt 50 Jahre nach dem historischen 3:1-Sieg über Polen im Olympiafinale von Montreal erinnert sich der frühere DDR-Nationalspieler Dieter Riedel: „Das 3:1 war unsterblich für unsere Nationalmannschaft. Es ist etwas, von dem man geträumt hat. Es ist wunderbar, Olympiasieger 1976 zu sein.“ Der Schlusspfiff ertönte am 31. Juli 1976 um 5:35 Uhr mitteleuropäischer Zeit – für die meisten DDR-Bürger wegen der Zeitverschiebung in den frühen Morgenstunden kaum live zu verfolgen.
Frühe Führung auf regennassem Acker
Auf einem völlig durchnässten Spielfeld, das heutigen Bundesliga-Profis als unbespielbar gelten würde, legte das von Trainer Georg Buschner zusammengestellte Team mit einem sechsköpfigen Block von Dynamo Dresden den Grundstein. Hartmut Schade (7. Minute) und Martin Hoffmann (14. Minute) trafen früh zur 2:0-Führung. Weitere hochkarätige Chancen wurden ausgelassen, sodass Polens Superstar Grzegorz Lato nach knapp einer Stunde der Anschlusstreffer gelang. „Wir waren läuferisch gut drauf und hätten jedes Spiel über 120 Minuten gehen können“, sagte Gerd Weber, mit 20 Jahren der jüngste Spieler im Kader, der im Finale allerdings nur zuschaute.
Tagliches Sechs-Stunden-Training
Die körperliche Überlegenheit war kein Zufall. Verteidiger Lothar Kurbjuweit erinnert sich: „Buschner war ein absoluter Profi, was den Fußball anbelangte und wie er uns anleitete, professionell Fußball zu spielen. Täglich sechs Stunden auf dem Platz.“ Diese harte Arbeit zahlte sich in der 84. Minute aus, als Reinhard Häfner mit einem Solo den 3:1-Endstand markierte. Zuvor hatte Sportminister Manfred Ewald nach einem 0:0 im ersten Gruppenspiel gegen Brasilien sogar die vorzeitige Rückkehr der Mannschaft erwogen. „Schorsch hat die richtigen Schlüsse gezogen und gesagt: Wir machen unser Ding“, so Weber, „wir waren nicht die große Liebe, sondern das Anhängsel der gesamten Olympia-Mannschaft. Die waren nicht erfreut, als wir dann sogar die Goldmedaille geholt haben.“
Herausragende Turnierleistung
Nach dem schwachen Start steigerten sich die DDR-Kicker von Spiel zu Spiel. Ein 1:0 gegen Spanien brachte den Einzug ins Viertelfinale, wo die junge französische Mannschaft um Michel Platini mit 4:0 deklassiert wurde. Im Halbfinale besiegte die DDR die mit Starspieler Oleg Blochin gespickte Sowjetunion mit 2:1. Die UdSSR war so verärgert, dass sie der Siegerehrung fernblieb und nur zwei Abgesandte die Bronzemedaillen abholten. Die DDR-Fußballer hingegen feierten ausgelassen. Hartmut Schade erinnert sich: „Das eine oder andere Bierchen haben wir schon getrunken. Anschließend sind wir in Grüppchen auseinandergegangen.“
Freiheiten im Olympischen Dorf
Anders als bei der Weltmeisterschaft 1974, als die Spieler ständig unter Beobachtung standen, bot das Olympische Dorf in Montreal ungewohnte Freiheiten. „Soviel Zeit hatten wir gar nicht“, sagte Gert Heidler, „privat wollten wir auch in die Stadt, U-Bahn fahren und in die großen Einkaufszentren.“ Gerd Kische, später Präsident von Hansa Rostock, genoss die Abwechslung: „Wir waren oft im Kino, da liefen die neuesten Filme. Wir waren sehr stolz und glücklich, dass wir die Medaillen der anderen Athleten beklatschen konnten.“ Kische hatte Ende April 2026 zum ersten Treffen der Goldmedaillengewinner nach Dierhagen bei Rostock geladen – acht der 17 Spieler nahmen teil, vier sind inzwischen verstorben.
Qualifikation als härteste Hürde
Den größten Triumph der DDR-Fußballgeschichte verdankte die Mannschaft auch einer starken Qualifikation. Mit zwei Unentschieden gegen die Tschechoslowakei sicherte sich das Buschner-Team das Ticket für Montreal. Die Tschechoslowakei tröstete sich sechs Wochen später mit dem Gewinn der Europameisterschaft – im Elfmeterschießen gegen die Bundesrepublik. Intern wird der Olympiasieg unterschiedlich bewertet. Für Kische war die WM-Teilnahme 1974 emotional bedeutender, weil dort der gesamte Weltfußball vertreten war. „Da waren wir unter uns Fußballern“, sagte Kische, der der verlorenen Chance bei der WM nachtrauert: „1976 waren wir aufgrund der Zusammensetzung besser und erfolgreicher als 1974. Es war eine harmonische Einheit, dazu haben die Dresdner toll beigetragen. Wir waren unglaublich effektiv und hatten nicht so viele Egoisten.“



