Queer und muslimisch in Berlin: Doppelte Betroffenheit nach CSD-Anschlag
Queer und muslimisch: Doppelte Betroffenheit nach CSD-Anschlag

In der Nacht auf den 26. Juli 2026 raste ein 21-jähriger polizeibekannter Islamist mit einem Auto in die Menschenmenge des Berliner Christopher Street Day (CSD). Eine Frau starb, mindestens 29 Menschen wurden verletzt. Der Täter wurde von der Polizei erschossen. Seither wird über schärfere Sicherheitsgesetze und islamistische Gewalt gegen queere Menschen debattiert. Doch in dieser Debatte fehlen jene queeren Menschen, die selbst arabisch, muslimisch oder männlich gelesen werden – und die seit dem Anschlag doppelt betroffen sind.

Dreifache Belastung: Opfer, Verdacht und Projektionsfläche

Für queere Menschen mit muslimischem Hintergrund ist die Situation besonders komplex. Sie sind Teil der angegriffenen Community, müssen aber gleichzeitig mit dem Generalverdacht leben, der aus derselben Tat erwächst. „Uns wurde ein Schweigen aufgezwungen von Menschen, die nie Angst vor Islamisten haben mussten“, sagt Ahmed Sadkhan, ein Berliner mit libanesisch-schiitischen Wurzeln. Er erzählt: „Nach dem Anschlag hatte ich natürlich Angst. Und gleichzeitig musste ich sofort daran denken: Die losgetretenen Debatten über Migration und Forderungen nach mehr Sicherheit machen die Zielscheibe auf meinem Rücken noch größer.“

Alltag zwischen Homophobie und Islamfeindlichkeit

Die drei Interviewpartner – ihre Namen sind auf Wunsch gekürzt – berichten von schiefen Blicken auf der Straße, von Unsicherheit in queerfreundlichen Räumen und von der Frage, wo ihre Trauer Platz hat. „Ich fühle mich zu arabisch für die einen und zu queer für die anderen“, sagt eine der Personen. Ein anderer erzählt: „Seit dem Anschlag habe ich das Gefühl, mich ständig erklären zu müssen – gegenüber der queeren Community genauso wie gegenüber Nicht-Queeren.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Kein Raum für Trauer

Besonders schmerzhaft sei das Gefühl, dass ihre Trauer um die getötete Frau und die Verletzten kaum Gehör finde. „Die öffentliche Diskussion dreht sich um Sicherheit und Abschiebung, nicht um die Opfer“, kritisiert Ahmed Sadkhan. „Dabei sind wir doch diejenigen, die den Schmerz der Queerfeindlichkeit kennen und gleichzeitig immer wieder mit dem Islamismus-Verdacht konfrontiert werden.“

Debatte ohne Betroffene

Die drei wünschen sich, dass ihre Perspektive in der politischen Debatte stärker berücksichtigt wird. „Es kann nicht sein, dass die Stimmen von queeren Muslimen übergangen werden, weil sie nicht in das einfache Raster von Täter und Opfer passen“, sagt ein weiterer Interviewpartner. „Wir sind beides: Teil der queeren Community und Menschen mit muslimischem Hintergrund. Unsere Erfahrungen sind komplex, aber genau deshalb braucht es sie in der Diskussion.“

Der Berliner CSD-Verein kündigte nach dem Anschlag an, künftig mehr Schutzmaßnahmen zu ergreifen und gleichzeitig den Dialog mit muslimischen Communities zu suchen. Ob dies ausreicht, um das Misstrauen zu überwinden, bleibt fraglich. Die drei Betroffenen hoffen zumindest auf mehr Sensibilität – und darauf, dass ihre Trauer endlich einen Platz findet.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration