Queere Kunst in Berlin: Acht Ausstellungen zum Pride-Weekend 2025
Queere Kunst in Berlin: Acht Ausstellungen zum Pride-Weekend

Berlin bietet zum Christopher Street Day 2025 ein vielfältiges Programm queerer Kunst. Acht Ausstellungen in verschiedenen Galerien und Museen zeigen Werke von Künstler:innen, die sich mit Identität, Sexualität und gesellschaftlicher Sichtbarkeit auseinandersetzen. Die Spanne reicht von abstrakten Porträts über historische DDR-Kunst bis hin zu Installationen über Migrationserfahrungen.

1. Verzaubert – proud to be proud in der Galerie Semjon Contemporary

Galerist Semjon H. N. Semjon hat seine Ausstellung zur Pride Week „Verzaubert“ genannt – ein Begriff, der in den Wirtschaftswunderjahren als Codewort für männliche Homosexualität diente, bevor der Kampf um Anerkennung den negativ besetzten Begriff „schwul“ umkehrte. Semjon mahnt vor einem Trend der Rückwärtsgewandtheit, wendet den Begriff aber positiv auf eine durch Kunst transformierte Realität an. Gezeigt werden Werke von Florian Hetz, der die durch Dating-Apps entstandene neue Form sexueller Porträts und Selbstporträts aufgreift, mit ihrer Selbstobjektivierung und Fragmentierung. Außerdem sind Arbeiten von Pancho Assoluto, Rick Castro, Andreas Fux, Norbert Heuler, Jan-Holger Mauss, Male Shibari, Thomas Synnamon, Stefan Thiel und Elmar Vestner zu sehen.

2. Queere Kunst in der DDR? – Ausstellung im Mitte Museum

Die Biografien und Werke der queeren Künstler:innen Toni Ebel, Andreas Fux, Jochen Hass, Erika Stürmer-Alex, Dorothea von Philipsborn, Rita „Tommy“ Thomas, Egon Wrobel und Jürgen Wittdorf erzählen von Anpassung und Widerstand, Sichtbarkeit und Verbergen, Selbstbehauptung und Verletzlichkeit in der DDR. Jürgen Wittdorf entzog seine Grafiken der Öffentlichkeit, als ihm die schwule Ästhetik bewusst wurde. Die Ausstellung im Mitte Museum ist der letzte laufende Teil einer Kooperation mit KVOST, dem Werkbundarchiv und der NgbK. Ein ausführlicher Katalog (Distanz-Verlag, 38 Euro) dokumentiert die Biografien zwischen Underground und Propaganda.

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3. Rinaldo Hopf – A Watercolored Summer in der Galerie The Ballery

Der Künstler, Fotograf und Kurator Rinaldo Hopf zeigt in seiner Soloschau „A Watercoloured Summer“ neue Werke sowie Aquarelle aus dem Archiv, die bis in die 1980er Jahre zurückdatieren und teils noch nie zu sehen waren. Die Arbeiten sind spontan, unmittelbar, selbstbewusst und farbenfroh, enthalten aber auch Spuren von Angst und Freude am Leben. Hopf ist der Galerie The Ballery seit 2014 eng verbunden.

4. Marc Brandenburg: 20th Century Debris in der Galerie Thaddaeus Ropac

Der Zeichner Marc Brandenburg ist eine Urfigur der queeren Clubszene West-Berlins und zählt international zu den wichtigsten Zeichner:innen der Gegenwart. In seinen detaillierten Bleistiftzeichnungen transformiert er Fotografien durch Invertierung in abstrahierte Darstellungen. Seit 2012 gestaltet er Editionen temporärer Tattoos auf Grundlage seiner Zeichnungen, unter anderem für das zehnte Jubiläum des Berghains. Am Freitag, 26. Juni 2025, findet von 17 bis 22 Uhr die erste Ausgabe des Partyformats „Brandenboogie“ statt, bei dem Brandenburg auflegt und Besucher:innen sich mit seiner neuen Tattoo-Edition zu einer lebenden Leinwand verwandeln können.

5. Erwin Olaf: Muses in der Galerie Ron Mandos

Der niederländische Fotograf Erwin Olaf (1959–2023) war ein Pionier queerer Sichtbarkeit. In den 1970er- und 80er-Jahren gab er Menschen ein Gesicht, deren Bild weitgehend von der Öffentlichkeit ausgeschlossen war. In Zeiten von HIV-Stigmatisierung und konservativer Moral entwarf er ein neues queeres Selbstbild – selbstbewusst, sinnlich, melancholisch und politisch. Seine Selbstporträts reflektieren Alter, Sexualität, Krankheit und Vergänglichkeit. Besonders eindrücklich sind Arbeiten, die er nach seiner Lungenerkrankung schuf: schonungslos und fragil.

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6. Umut Azad Akkel – Holding My Drink in the Corner am Lützowplatz

Die Installation „The Path“ (2021/26) von Umut Azad Akkel besteht aus Bauzäunen, metallenen Treppenelementen und Absperrband und erinnert an ewige Baustellen deutscher Großstädte. Inspiriert von Straßenszenen in Istanbul und den Konstruktionen M.C. Eschers, steht die Desorientierung für die Spannungen queerer Migrationserfahrungen. Die Ausstellung „Holding my Drink in the Corner“, kuratiert von Ozan Ünlükoç, spinnt die Idee des Labyrinths zwischen Inklusion, Ausgrenzung und Orientierungsversuchen weiter und thematisiert unsichtbare Regeln, die Räume prägen. „Die Ecke wird zum Zufluchtsort. Mit dem Drink in der Hand, möglichst unauffällig, lässt sich dort jede Situation überstehen. Die Frage ist nur, wer aufgrund unsichtbarer Ausschlussmechanismen meist dorthin verbannt wird“, so die Kurator:innen.

7. Time Machine Infinitum – Queeres migrantisches Berlin im Stadtmuseum Berlin

Noam Gorbat, Omar Nicolas und Sama Ahmadi widmen sich in mehreren Videos der Sichtbarkeit queerer BIPoC in Berlin. Sie schlagen einen Bogen von der queer-migrantischen Geschichte der 1920er Jahre über queeres jüdisches Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, politische Kämpfe des Vereins „ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland“ in den 1980er Jahren oder des „OYA-Kollektivs“ heute bis hin zu Visionen der jugendlichen Ballroom-Szene für ein queeres Berlin der Zukunft.

8. Susan Sontag – Sehen und gesehen werden im Schwulen Museum

Susan Sontag war ein flamboyantes, freigeistiges, manchmal schwieriges und widersprüchliches Vorbild. Sie kam früh mit der queeren Szene in Kontakt, liebte und lebte mit Frauen, outete sich jedoch nie. Ende der 1980er Jahre schrieb sie mit „AIDS and its Metaphors“ (1989) einen wichtigen Text zu Stigmatisierung, Eigenverantwortung, Aktivismus und Solidarität. Das Schwule Museum übernimmt die Ausstellung aus der Bundeskunsthalle Bonn und erweitert sie um eine Spurensuche von Susan Sontag in Berlin. Weitere Ausstellungen des Museums befassen sich mit queeren Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Kontexten („Lieber glücklich als normal!“) und queeren Leben auf dem Land („Cruising the Countryside“).