Die US-Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) hat ein Verfahren zur Entwicklung neuer Vorschriften eingeleitet, die sicherstellen sollen, dass Fahrzeuginsassen Fahrzeuge im Notfall zuverlässig verlassen können. Anlass sind teils tödliche Unfälle, bei denen Menschen in Autos eingeschlossen waren.
Hintergrund der neuen Regelung
Die NHTSA gab am Donnerstag bekannt, dass sie das Verfahren für eine bundesweite Vorschrift starte. Damit folgte die Behörde einem Antrag, der ein „robustes und klar erkennbares System zum Verlassen des Fahrzeugs“ in allen Kraftfahrzeugen fordert, wie aus einer Regulierungsakte hervorgeht. Sollten die Regeln beschlossen werden, gelten sie für alle neuen Fahrzeuge in den USA.
Im Fokus stehen Fahrzeuge mit bündigen, elektrisch betätigten Türgriffen, wie sie Tesla und andere Hersteller verbauen. Solche Konstruktionen waren an einer Reihe von Vorfällen beteiligt, bei denen Insassen nach einem Stromausfall nicht aus dem Auto kamen – auch nach Unfällen. In mehreren Fällen überlebten Menschen in Tesla-Fahrzeugen zwar den Aufprall bei hoher Geschwindigkeit, starben jedoch oder wurden schwer verletzt, weil sie das Fahrzeug anschließend nicht verlassen konnten.
Berichte über Todesfälle
Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet von mindestens 15 Todesfällen in einem Dutzend Vorfällen, bei denen Insassen oder Rettungskräfte die Türen eines verunglückten und brennenden Tesla nicht öffnen konnten. Bloomberg berichtete zudem Ende vergangenen Jahres, Tesla-Chef Elon Musk habe auf elektrische Türen bestanden – trotz intern geäußerter Sicherheitsbedenken.
Ein Ingenieur aus dem Silicon Valley hatte im November eine Petition bei der NHTSA eingereicht und neue bundesweite Sicherheitsstandards gefordert. Ziel sei es, eine „kritische, lebensbedrohliche Sicherheitslücke“ zu schließen, die durch elektronische oder „versteckte“ Verriegelungs- und Öffnungssysteme entstehe.
Reaktion der Behörde
Die NHTSA erklärte, sie habe dem Antrag stattgegeben und werde das Regelsetzungsverfahren beginnen. Bekannt wurde die Entscheidung in einer Akte, in der die Behörde zugleich den Antrag eines anderen Petenten auf eine separate Untersuchung eines möglichen Sicherheitsmangels ablehnte. „Die NHTSA wird zusätzliche Informationen und Daten zusammentragen und öffentliche Stellungnahmen einholen, um zu entscheiden, ob eine Regelsetzung für einen neuen Sicherheitsstandard unter den Vorgaben des Vehicle Safety Act angemessen ist“, teilte die Behörde Bloomberg per E-Mail mit. Tesla reagierte laut Bloomberg nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Mögliche Auswirkungen
Ob neue Anforderungen kommen, will die Behörde auf Basis der im Verfahren erarbeiteten Erkenntnisse entscheiden. Die Entwicklung und Verabschiedung neuer Regeln kann Jahre dauern; die Industrie wehrt sich häufig gegen zusätzliche Sicherheitsauflagen. Schneller könnte eine Entscheidung auf politischem Weg fallen: Die demokratische Abgeordnete Robin Kelly aus Illinois brachte in diesem Jahr einen Gesetzentwurf ein, der manuelle Türöffnungen in neuen Autos vorschreiben und Rettungskräften den Zugang ermöglichen soll, wenn die Stromversorgung ausfällt.
Im September hatte die NHTSA zudem eine Mängeluntersuchung zu bestimmten Tesla-Model-Y-Fahrzeugen eingeleitet, nachdem mehrere Beschwerden eingegangen waren, wonach Kinder in Fahrzeugen eingeschlossen gewesen seien. „Es mag sein, dass dieses spezielle Problem am besten über neue Regeln gelöst wird – aber neue Vorschriften gelten nur für neue Fahrzeuge“, sagte William Wallace, Leiter der Sicherheitsarbeit bei Consumer Reports. „Verbraucherinnen und Verbraucher mit einem problematischen Auto heute stehen im Regen, wenn eine Mängeluntersuchung ausbleibt, obwohl sie nötig wäre.“



