Man denkt doch eigentlich – oder kommt mir das nur so vor? – : weil es das Muster gibt, allein schon deshalb, WEIL es so überdeutlich ist, kann und wird man sein Opfer nicht werden, nicht sein. / Jedoch, man irrt.– Rainald Goetz, Rave
Es gibt Schriftsteller, sehr selten kommt das vor, deren Bücher man weniger liest als vielmehr hört. Genauer: Man liest die Wörter und Sätze, als wären es Noten; man liest den Text, als handelte es sich um eine Partitur.
Die Bilder, Szenen und Gedanken klingen bei diesen Autoren. Man kann ihre Texte nicht hören, weil sie Rhythmus, Tempo, Melodie, Wohlklang haben – das haben andere Texte auch. Sondern weil der Text Rhythmus, Melodie, Wohlklang ist; das ist ein entscheidender Unterschied. Rainald Goetz ist so ein Klangschreiber. Er schreibt nicht musikalisch, das tun viele, sondern er schreibt Musik, Sprachmusik. Das, was er schreibt, kann man, wenn man komplett unmusikalisch ist, natürlich lesen, man kann’s aber auch, wenn man Glück hat, hören, und wenn man sehr großes Glück hat, wird man beim Lesen seiner Texte selbst musikalisch.
Goetz wurde berühmt, weil er sich beim Ingeborg-Bachmann-Vorlesen mal mit einem Rasiermesser die Stirn aufgeritzt hat. Das ist inzwischen viele Jahre her, aber weil der Literaturbetrieb sich nach dem Irren, Unberechenbaren, leicht Durchgeknallten sehnt, ist diese Geschichte immer noch das Erste, was Leuten zu Goetz einfällt: Ist das nicht der, der damals … Ohne Musik, hat Nietzsche mal gesagt, wäre das Leben ein Irrtum; dasselbe gilt ja wohl für Literatur. Liegt es nicht nahe, beides zu verbinden?
Musik in Sprache zu übersetzen ist grundsätzlich erst einmal nicht schwer. Beethovens Fünfte? Da-da-da-DAH!
Wie aber übersetzt man das Gefühl, das einer mit Musik verbindet, in Sprache? Das Gefühl des Augenblicks, das ja immer zugleich auch ein Lebensgefühl ist? Er habe Geschichten aus dem Leben »im Inneren der Nacht« erzählen wollen, hat Goetz zu seiner Erzählung »Rave« geschrieben. Das Buch kam 1998 heraus, damals feierten mehr als eine Million Menschen in Berlin die Love Parade.
Was machen diese Nachtlebenleute eigentlich, das war die Frage. Als Chronist des Exzesses wollte Goetz die Scherben, die überall herumlagen, zu einem Spiegel zusammensetzen.
»Rave«, das lässt sich sagen, ist eine Geschichte aus lauter Splittern geworden. Ein Klangteppich aus Wörtern. Sprachmusik.
»Man denkt doch eigentlich«, so fängt ein solcher Splitter an. Der stockende Anfang, das »man«, das sich sogleich selbst ins Wort fällt, das leicht hysterische »nicht werden, nicht sein« kurz darauf: Da macht einer aus dem Stottern einen Rhythmus, eine Haltung.
Der Doppelpunkt und der Gedankenstrich, die hintereinander stehen: ein Moment des Innehaltens, wie das Pausenzeichen in der Musik. Allein mit Satzzeichen macht Goetz das Nachdenken sichtbar; aus abstraktem Denken wird eine Art performativer Prosa.
»Beobachtung zweiter Ordnung«, so hat Goetz sein Verfahren genannt. Das Denken beobachtet sich selbst beim Denken, und natürlich muss diese Reflexivität stilistisch markiert werden – durch Einschübe, rhythmische Brüche, typografische Akzente.
Der Schriftsteller Maxim Biller beschrieb vor Kurzem in der »Zeit« sehr lustig eine frühere Begegnung mit Goetz. »Rainald«, sage ich, glaube ich, einmal in dieser Zeit zu ihm, »du schreibst so schön. Aber man versteht fast nie, was du sagen willst.« »Was soll ich dagegen tun?«, entgegnet er, in etwa, in seinem weichen Münchnerisch, »ich denke doch immer so viele Dinge gleichzeitig!« »Anfang, Mitte, Ende«, sage ich. »Ja, klar, klingt einfach.« »Es ist das Schwerste, was es gibt«, sage ich.
Goetz schreibt kleine Fragmente, die zusammengenommen ein großes Fragment ergeben. Alles ziemlich vivace gedacht, auf freier Strecke sogar prestissimo. Lauter Variationen der Großthemen Rausch und Irrsinn, die Partitur eines Lebensgefühls, vielleicht auch einer Zeit. »Und sie tanzten und sprangen wie wild herum, und eine große, riesengroße Stimme sagte: 'ENTER THE ARENA' / Enter the arena. Ja natürlich, gerne, danke. / Vielen Dank. / Bin dabei. – Ich auch. – Ich auch.«
Man hat das alles sofort im Ohr, während man es liest; die Frage ist natürlich immer, ob der Leser beim Lesen dasselbe hört wie Goetz, während er schreibt.
»Und der große Bum-bum-bum sagte: eins eins eins – / und eins und eins und- / und- / geil geil geil geil geil …«
Auf Amazon haben sie für Goetz' merkwürdiges Klangbuch ein Adjektiv gesucht. Das Wort, das ihnen am Ende eingefallen ist, ist »quicklebendig«.



