Die Berliner Schriftstellerin Helga Schubert eröffnete am Mittwochabend die 50. Ausgabe des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt. Ihre Rede zur Literatur wurde jedoch aus Zeitgründen erheblich gekürzt – sie sprach nur etwa die Hälfte der vorgesehenen zwanzig Minuten. Die Veranstalter hatten die Eröffnung live auf 3sat übertragen, was eine straffe Programmgestaltung erforderte.
Schuberts besondere Verbindung zum Wettbewerb
Helga Schubert, 1940 in Berlin-Kreuzberg geboren und in der DDR aufgewachsen, ist seit Jahrzehnten eng mit dem Bachmann-Wettbewerb verbunden. 1980 wurde sie erstmals eingeladen, doch die DDR-Behörden verweigerten ihr die Ausreise. Von 1987 bis 1990 durfte sie als Jurorin teilnehmen und gemeinsam mit einem Redakteur einer DDR-Literaturzeitschrift jeweils zwei Autoren aus der DDR einladen. In diesen drei Jahren gewannen Uwe Saeger (1987), Angela Krauß (1988) und Wolfgang Hilbig (1989) den Preis.
Im Jahr 2020 kehrte Schubert als Teilnehmerin zurück und gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis mit ihrer Erzählung „Vom Aufstehen“. Dieses Comeback machte sie zur Bestseller-Autorin und führte dazu, dass sie im November 2024 die Schiller-Rede in Marbach halten durfte.
Kritik an der gekürzten Rede
Obwohl Schuberts Rede inhaltlich gelobt wurde, bedauerten viele Zuhörer die Kürzung. Statt der vollen zwanzig Minuten sprach sie nur etwa zehn Minuten. Der Grund: Die Live-Übertragung auf 3sat von 19 bis 20:15 Uhr ließ keinen längeren Rahmen zu. Die Veranstalter hatten die Eröffnungsrituale gestrafft – die Auslosung der Lesereihenfolge fand bereits am Vortag statt, und die Sponsoren sprachen nur kurze Videogrußworte.
Dennoch gab es einige Pannen: ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard bezeichnete den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan fälschlich als „ungarischen Schriftsteller“. Jury-Vorsitzender Klaus Kastberger witzelte über die deutsche Kulturpolitik, die „zum Weimen“ sei. Diese Momente wurden jedoch schnell übergangen.
Inhalt der Rede: Bachmann und das Wesentliche
In ihrer Rede versuchte Schubert, den Blick auf Ingeborg Bachmanns Prosa und Lyrik freizumachen. Sie gestand, dass sie nach ihrer Einladung zunächst an „ihr Nachthemd und die Zigarette“ gedacht und die Briefwechsel mit Max Frisch und Paul Celan gelesen habe. Doch dann kam sie zum Kern: „Ich interessiere mich für ihre Gedichte – und Ihr alle interessiert Euch nur für ihren Liebeshunger.“
Sie erinnerte an ihren ersten Besuch in Klagenfurt 1987 und das Blau des Wörthersees, das von der Literatur ablenke. „Empört euch, der Himmel ist blau“, zitierte sie Alfred Andersch. Schubert gedachte auch anderer Toter, die den Wettbewerb geprägt haben: Marcel Reich-Ranicki, Peter Demetz und vor allem Gisela Lindemann, die Literaturkritikerin, die im Sommer 1989 bei einer Alpenwanderung ums Leben kam. Mit Lindemann, die sie in ihrer Rede nicht namentlich erwähnte, saß Schubert als einzige Frauen in einer Männerjury.
Schuberts Erkenntnis am Grab Bachmanns
Gemeinsam mit Lindemann besuchte Schubert Bachmanns Grab und zog eine wichtige Erkenntnis: Bachmann sei ein gequälter Mensch gewesen, aber „ich muss nicht notgedrungen auch ein gequälter Mensch sein, nur um einmal eine gute Schriftstellerin zu werden.“ Schubert ist genau das geworden – und der Bachmann-Wettbewerb hat entscheidend dazu beigetragen, dass dies der Welt nicht verborgen blieb.



