John Trumbulls Gemälde „Declaration of Independence“ aus dem Jahr 1818 gilt als das wohl berühmteste Gruppenbild der US-amerikanischen Kunstgeschichte. Doch das Werk nimmt es mit den historischen Fakten nicht allzu genau. Die Szene zeigt die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776, doch in Wirklichkeit wurde das Dokument erst am 2. August 1776 von den meisten Delegierten unterzeichnet. Zudem sind auf dem Bild 47 Personen zu sehen, obwohl 56 Delegierte die Erklärung unterzeichneten. Trumbull malte auch einige Männer, die nie an der Unterzeichnung teilnahmen, wie etwa John Dickinson, der gegen die Unabhängigkeit stimmte.
Die Entstehung des Gemäldes
Trumbull, selbst ein Veteran des Unabhängigkeitskrieges, begann 1786 mit den Vorarbeiten für das Gemälde. Er reiste durch die USA und malte Porträts der Gründerväter, um sie später in das Gruppenbild einzufügen. Das fertige Werk wurde 1818 im Kapitol in Washington, D.C. aufgehängt. Es zeigt die fünfköpfige Kommission, die den Entwurf der Erklärung verfasste – Thomas Jefferson, John Adams, Benjamin Franklin, Roger Sherman und Robert R. Livingston – sowie John Hancock, den Präsidenten des Kontinentalkongresses.
Künstlerische Freiheiten und Kritik
Trumbull komponierte das Bild nach den Regeln der Historienmalerei: Die Figuren sind dramatisch angeordnet, die Beleuchtung betont die Hauptpersonen. Kritiker bemängeln, dass das Gemälde die Vielfalt der Delegierten nicht widerspiegelt: Es sind ausschließlich weiße Männer in edler Kleidung zu sehen, obwohl es auch ärmere und jüngere Delegierte gab. Zudem fehlen Frauen und Afroamerikaner, die ebenfalls eine Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung spielten. Der Kunsthistoriker John Wilmerding sagte: „Trumbulls Bild ist eine idealisierte Version der Geschichte, die die Gründungsmythen der USA verstärkt.“
Bedeutung und Vermächtnis
Trotz der Ungenauigkeiten bleibt das Gemälde ein ikonisches Symbol der amerikanischen Demokratie. Es ziert die Rückseite des 2-Dollar-Scheins und wird häufig in Schulbüchern abgebildet. Die Popularität des Werks zeigt, wie sehr die USA ein einheitliches, heroisches Bild ihrer Gründung schätzen. „Das Gemälde ist weniger ein historisches Dokument als vielmehr ein nationales Identitätsstifter“, erklärt die Historikerin Jill Lepore. „Es erzählt die Geschichte, die die Amerikaner über sich selbst hören wollen.“
Fazit
John Trumbulls „Declaration of Independence“ ist ein Meisterwerk der politischen Kunst, das jedoch mehr über die Wünsche seiner Zeit als über die historische Realität verrät. Es bleibt ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Nationen ihre Ursprünge stilisieren und vereinfachen, um eine gemeinsame Identität zu schaffen.



