Nach 18 Jahren Wartezeit hat die UNESCO die Zehlendorfer Waldsiedlung, besser bekannt als Siedlung Onkel-Toms-Hütte, in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Damit wird nun auch die wohl berühmteste der Berliner Modernesiedlungen offiziell als herausragendes Zeugnis des sozialen Wohnungsbaus der 1920er Jahre gewürdigt. Die Entscheidung fiel während der 45. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees in Riad.
Ein langer Weg zur Anerkennung
Bereits 2008 waren sechs Siedlungen der „Berliner Moderne“ in die Welterbeliste eingeschrieben worden – darunter die Hufeisensiedlung in Neukölln, die Großsiedlung Siemensstadt oder die Weiße Stadt in Reinickendorf. Die Waldsiedlung fehlte jedoch, obwohl sie architektonisch und städtebaulich als gleichrangig gilt. Grund war ein formeller Fehler im Antrag: Die Siedlung wurde damals nicht als eigenständiges Ensemble erkannt, sondern als Teil der Zehlendorfer Villenkolonie betrachtet. Nach einer langwierigen Überarbeitung des Dossiers durch das Landesdenkmalamt Berlin und die Senatskanzlei konnte der Antrag nun nachgereicht werden.
Architektonische Besonderheiten der Waldsiedlung
Die zwischen 1926 und 1931 nach Plänen von Bruno Taut und Hugo Häring errichtete Siedlung umfasst rund 1.100 Wohnungen in aufgelockerter, von Wald umgebener Bauweise. Charakteristisch sind die flachen Dächer, die farbigen Fassaden – von leuchtendem Gelb bis tiefem Blau – und die großzügigen Grünflächen. Der Name „Onkel-Toms-Hütte“ stammt von einem damals beliebten Ausflugslokal, das an die gleichnamige Erzählung von Harriet Beecher Stowe erinnerte. Die Siedlung galt als Vorzeigeprojekt der Weimarer Republik und sollte – auch durch günstige Mieten – moderne Wohnverhältnisse für breite Bevölkerungsschichten schaffen.
Reaktionen und Ausblick
Berlins Kultursenator Joe Chialo zeigte sich erfreut: „Die Aufnahme der Waldsiedlung ist ein längst überfälliger Schritt. Sie vervollständigt das Ensemble der Berliner Moderne und unterstreicht die internationale Bedeutung dieser einzigartigen Architektur.“ Auch die Bewohner der Siedlung reagierten begeistert. Ein langjähriger Anwohner erklärte gegenüber dem Tagesspiegel: „Wir haben jahrelang darauf gehofft. Nun fühlen wir uns endlich in unserer Heimat bestätigt.“ Die Eintragung bedeutet nicht nur Prestige, sondern auch strengere Schutzauflagen für künftige Baumaßnahmen – ein Anliegen, das Denkmalschützern besonders wichtig ist.
Insgesamt sieben Welterbestätten der Berliner Moderne
Mit der Waldsiedlung umfasst die Welterbeliste nun sieben Siedlungen der Berliner Moderne: Neben der Waldsiedlung und der Hufeisensiedlung sind dies die Siedlung Schillerpark, die Weiße Stadt, die Siedlung Siemensstadt, die Großsiedlung Britz sowie die Wohnstadt Carl Legien. Alle gemeinsam repräsentieren den Höhepunkt des modernen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik. Die UNESCO würdigte damit die Synthese von Funktionalität, Sozialreform und ästhetischem Anspruch, die in dieser Form weltweit einmalig sei.
Bedeutung für Berlin und den Welterbetourismus
Die Anerkennung dürfte auch den Tourismus in Zehlendorf stärken. Bereits jetzt führen regelmäßig Architekturführungen durch die Siedlung. Die deutsche UNESCO-Kommission betonte, dass die Waldsiedlung ein lebendiges Denkmal sei, in dem heute noch mehrere tausend Menschen wohnen. „Sie vereint Wohnqualität mit Geschichte und ist ein Vorbild für nachhaltiges urbanes Leben“, so ein Sprecher. Die offizielle Urkunde wird voraussichtlich im Frühjahr 2024 in einer feierlichen Zeremonie in Berlin überreicht.



