Langsamstes Konzert der Welt feiert 25 Jahre: Finale 2640
John-Cage-Orgelprojekt in Halberstadt: 25 Jahre

Ein sanftes Wummern erfüllt den Raum der Burchardi-Kirche in Halberstadt. Manche Besucher vergleichen es mit einem Maschinenraum, andere mit dem Hamburger Hafen. Zuhörer kommen und gehen, doch ein Organist ist nie zu sehen. Das Orgelstück, das hier erklingt, läuft seit fast einem Vierteljahrhundert – und steht gerade einmal bei knapp vier Prozent seiner gesamten Dauer.

Die Spielanweisung des amerikanischen Komponisten John Cage (1912–1992) verlangt für sein Stück „ORGAN2/ASLSP“ ein Tempo: so langsam wie möglich. In Halberstadt wurde daraus eine Aufführungsdauer von 639 Jahren. Heute, am 5. August, findet der 17. Klangwechsel statt.

Ein Vierteljahrhundert Langsamkeit

Begonnen hat alles im Jahr 2001, als der elektrisch angetriebene Blasebalg angeschmissen wurde – damals war zunächst nur der Wind zu hören. Fast eineinhalb Jahre lang erklang lediglich das Geräusch des Balgs und der Luft. Im Februar 2003 kamen schließlich die ersten Pfeifentöne gis' – h' – gis'' hinzu.

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Seitdem wird das Stück in Halberstadt kontinuierlich aufgeführt. Immer wieder kommen neue Töne hinzu, manchmal werden auch welchselnde Klänge erzeugt. Der heutige Klangwechsel fügt ein a' hinzu, sodass die kleine Orgel dann acht Pfeifen gleichzeitig erklingen lässt. Anneli Borgmann, seit knapp einem Jahr Leiterin des Projekts und Vorsitzende der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt, sagt: „Es wird einen schönen Klangteppich geben, der Klang wird voller.“

Die Rechnung hinter 639 Jahren

Die ungewöhnliche Zahl hat einen historischen Hintergrund. Die Uraufführung von Cages Stück fand 1987 im französischen Metz statt und dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Für Halberstadt rechneten die Initiatoren um: 639 Jahre Aufführungsdauer ergeben sich aus dem Jahr 2000, denn zu diesem Zeitpunkt war die berühmte Blockwerkorgel von Nicolaus Faber im Halberstädter Dom genau 639 Jahre zuvor fertiggestellt worden.

Die Umrechnung der Zeitmaßstäbe bedeutet: 0,2 Sekunden der damaligen Uraufführung entsprechen in Halberstadt einem Monat. So wird aus einer halben Stunde Musik ein Zeitraum, der mehrere Jahrhunderte umspannt und Generationen überdauert.

Der 17. Klangwechsel: Ein a' für einen volleren Klang

Heute wird also eine neue Pfeife in die kleine Orgel gesteckt. Es ist der 17. Klangwechsel innerhalb von 25 Jahren. Die Zuhörerschaft, die sich in der Burchardi-Kirche versammelt, erlebt damit einen seltenen Moment. Anneli Borgmann beschreibt die Stimmung: „Wir sind in bewegten Zeiten.“ Die nächsten Klangwechsel sind bereits terminiert: im Oktober 2027, dann gleich zwei im Jahr 2028 und zwei weitere 2030.

Borgmann, die hauptberuflich als Geoökologin arbeitet und junge Menschen im Freiwilligen Ökologischen Jahr begleitet, sieht in dem Projekt vor allem eines: Zuversicht. „Es wird über Generationen weitergetragen“, sagt die 53-Jährige. Sie ist wie alle anderen Beteiligten ehrenamtlich aktiv – ohne professionelle Strukturen, aber mit großer Hingabe.

Elf Monate zu früh: Eine Korrektur mit Pausen

Rainer O. Neugebauer, der über zwei Jahrzehnte als künstlerischer Leiter des Projekts wirkte, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Der 72-Jährige erinnert sich an den Beginn: Eigentlich sollte der erste Klangwechsel später erfolgen, doch im Februar 2003 kam er elf Monate zu früh. Das fiel bei einer Neuberechnung im Jahr 2004 auf. „Das haben wir in den sieben Jahren Pause wieder ausgeglichen“, sagt Neugebauer.

Trotz der extremen Langsamkeit betont er: „Es ist eine ernsthafte Aufführung, auch wenn sie so extrem ist.“ Am Anfang habe es Widerstände gegeben, interne Querelen und finanzielle Sorgen. Umso glücklicher ist er über seine Nachfolgerin: „Ich bin tausendfroh, dass Anneli Borgmann das übernommen hat. Bei ihr kommt vieles zusammen – Organisationstalent, Kommunikation und Wissen über Cage.“ Erstmals sei es ihr gelungen, das Projekt für ein bis zwei Jahre im Voraus finanziell abzusichern.

Ehrenamtliche Basis und kreative Finanzierung

Die Aufführung wird vollständig von Ehrenamtlichen getragen und finanziert sich durch Spenden und Stiftungen. Borgmann weist darauf hin, dass viele das nicht wissen: „Das Projekt ist mittlerweile so bekannt, dass es von außen als professionelle Kultureinrichtung gesehen wird.“

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Zur Stiftung gehört die „cage academy“, die rund um den Klangwechsel einen Meisterkurs für zeitgenössische Vokalmusik anbietet. In diesem Jahr nehmen Studierende und Profis aus Ungarn, der Schweiz, Polen, Belgien und Deutschland teil. Es gibt Aufführungen, Konzerte und eine Ausstellung.

Um das Projekt langfristig zu sichern, braucht es Kreativität. An den Wänden der unsanierten Burchardi-Kirche hängen individuell gestaltete Fördertafeln – eine für jedes Jahr bis zum Ende der Aufführung. Jede Tafel brachte Sponsorengeld in die Kasse. Künstler stellen Werke zur Verfügung, deren Erlös teilweise in das Projekt fließt. Die Stiftung hofft, Kapital anzuhäufen, damit kommende Generationen davon zehren können.

Final Tickets: Vererbbare Eintrittskarten für 2640

Ein besonderes Vorhaben sind die „Final Tickets“: vererbbare Eintrittskarten zur Abschlussveranstaltung am 4. September 2640, wenn das Konzert tatsächlich verklingt. 2.640 Tickets zum Preis von je 2.640 Euro sollen verkauft werden. Wie viele bereits veräußert sind, will Borgmann nicht sagen, doch sie berichtet: „Es ist erfreulich angelaufen, es ist eine Erfolgsgeschichte für uns.“

Die Geschichte der Burchardi-Kirche selbst passt zu dieser außergewöhnlichen Aufführung: Jahrhunderte lebten hier Zisterzienserinnen, in der DDR diente sie zeitweise als Schweinestall – die Gülle-Rinnen erinnern noch daran. Heute ist sie ein Ort der Musik, an dem die Zeit eine ganz eigene Rolle spielt.