Brasilianische Insel Parintins: Rivalität zwischen Rot und Blau spaltet die Stadt
Parintins: Rote und blaue Rinder spalten eine Stadt

In der Amazonasstadt Parintins bestimmt die Rivalität zwischen den Farben Rot und Blau das berühmte Folklorefestival. Zwei Rinderfiguren, der rote Garantido und der blaue Caprichoso, treten gegeneinander an und spalten die gesamte Stadt. Während des Festivals schweigt die jeweils andere Seite aus Kalkül, da Jubel für den Gegner Punktabzug bringen kann.

Ursprung der Rivalität

Der Ursprung des Festivals geht auf ein im Norden Brasiliens verbreitetes Volksschauspiel zurück, bei dem ein Ochse stirbt und wieder zum Leben erweckt wird. Daraus entwickelte sich in Parintins ein spektakulärer Wettbewerb, bei dem beide Gruppen mit riesigen Figuren, Tänzern, Trommlern und Sängern drei Nächte lang Geschichten über indigene Völker, Mythen und den Amazonas erzählen.

Garantido tritt mit einem Rind mit einem roten Herzen auf, während Caprichoso einen Ochsen mit einem blauen Stern als Symbol wählte. Aus den Farben der beiden Bois wurde mit der Zeit eine Identität, die heute fast die gesamte Stadt prägt.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Besucheransturm und wirtschaftliche Bedeutung

Nach Angaben der Stadtverwaltung werden in diesem Jahr rund 126.000 Besucher erwartet – das sind etwas mehr als Parintins Einwohner hat. Die Stadt spricht von der größten Ausgabe des Festivals ihrer Geschichte. Besucher reisen aus allen Teilen Brasiliens und zunehmend auch aus dem Ausland an.

Für die Bewohner ist das Festival nicht nur kultureller Höhepunkt, sondern wirtschaftliche Lebensader. Im Viertel Palmares betreibt Hernando seit Jahren die Caprichoso-Kneipe „Canto da Porrada“. Während des Festivals werde daraus ein Treffpunkt für Fans aus ganz Brasilien. „In drei Nächten verdienen wir ungefähr so viel wie sonst in einem halben Jahr“, sagt er.

Nach Angaben der Stadt entstehen mehr als 30.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze. Die wirtschaftliche Bedeutung wird auf umgerechnet fast 33 Millionen Euro geschätzt.

Familiengeschichte und Identität

Für einige bedeutet das Festival weit mehr als Einnahmen. Sidney de Carvalho Simas trägt eine besondere Familiengeschichte in sich. Er ist Urenkel von Lindolfo Monteverde, dem Gründer des Garantido. „Als Kind war Garantido für mich etwas ganz Normales“, erzählt er. Erst später habe er verstanden, was daraus geworden sei. „Da habe ich begriffen, dass das Spielzeug unserer Familie zur Seele eines ganzen Volkes geworden war.“

Die Rivalität prägt den Alltag vieler Bewohner. Priscila Soares und ihr Mann Marcinaldo sind seit 15 Jahren verheiratet, aber sie hält zu Caprichoso (blau), er zu Garantido (rot). „Bis Karneval leben wir friedlich“, erzählt sie lachend. „Danach beginnt die Bullen-Saison. Dann sagt er, mein Boi sei hässlich und es wird viel geneckt.“

Anreise als Teil des Festivals

Viele Besucher nehmen bewusst die fast 20-stündige Schifffahrt über den Amazonas in Kauf. Denn für sie beginnt das Festival nicht erst in der Arena, sondern schon an Bord. Zwischen Hunderten Hängematten erklingen die Toadas – die Lieder der beiden Bois. Familien reisen gemeinsam an, viele tragen bereits Rot oder Blau und singen mit.

Clesia Beatriz und Morales sind etwa 4.000 Kilometer aus Pelotas im südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul angereist. Seit einem Monat sind sie mit ihrem Wohnmobil unterwegs. „Unsere Leidenschaft für den Amazonas bringt uns hierher und es ist überwältigend zu sehen, wie eine ganze Stadt dieses Festival lebt“, erzählt Beatriz.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration