Fünf Tage nach den verheerenden Erdbeben mit mehr als 1.450 Toten in Venezuela geben die Rettungskräfte nicht auf. Die ganze Nacht hindurch suchten Einsatzkräfte aus Venezuela und zahlreichen anderen Staaten unter eingestürzten Gebäuden nach Zehntausenden Menschen, die noch unter den Trümmern vermutet werden.
Hoffnung schwindet: Nur zehn Prozent Überlebenschance
„Falls es noch Überlebende unter den Trümmern geben sollte, zählt für sie jetzt jede Sekunde“, teilte Simone Walter, Nothilfekoordinatorin der Organisation Help, am Montag mit. „Aus unserer Erfahrung von früheren Erdbeben wissen wir, dass nur circa zehn Prozent aller Vermissten noch lebend geborgen werden können, die Zeit rennt also.“
Erschwert werden die Sucharbeiten durch zahlreiche Nachbeben. Am Morgen (Ortszeit) erschütterte nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS ein Beben der Stärke 4,6 vor der Küste Venezuelas die Region.
Einzelfälle geben Hoffnung
In manchen Fällen seien Menschen zwar unter eingestürzten Gebäuden eingeschlossen, hätten aber keine Verletzungen davongetragen, sagte die Leiterin eines Einsatzteams aus Kolumbien dem venezolanischen Staatsfernsehen in der Nacht. In diesen Fällen gebe es Hoffnung. Klar sei aber auch, dass jede Stunde ohne Wasser und Essen die Chancen auf eine Rettung verringere.
Immer wieder werden aber noch Menschen lebendig aus den Trümmern gezogen – am Wochenende etwa eine 60-Jährige in Caraballeda in La Guaira, die nach Angaben von El Salvadors Präsident Nayib Bukele nach 86 Stunden gefunden wurde. Sie habe zwischen zwei Wänden festgesteckt und mit einem Stück Metall gegen die Steine geklopft, um die Rettungsteams auf sich aufmerksam zu machen, berichtete die Frau dem US-Sender CNN. Dann sei sie durch ein kleines Loch ins Freie gezogen worden. „Ich kam Stück für Stück und unter großen Schwierigkeiten heraus, wie ein Baby bei einer Geburt“, sagte die 60-Jährige.
In der Nacht auf Montag sei ein Mann sogar noch nach 106 Stunden lebend gefunden worden, schrieb Venezuelas geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez auf der Plattform X.
Tausende werden noch vermisst
Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer nach den Beben der Stärken 7,2 und 7,5 bislang bei 1.450, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, am Sonntag mitteilte. Rund 3.200 Menschen sind demnach verletzt worden.
Laut einer inoffiziellen Plattform für die Suche nach Vermissten gelten derzeit mehr als 46.000 Menschen als vermisst – nachdem mehr als 80.000 Vermisstenmeldungen eingegangen waren. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Menschen suchen auch nach den Namen ihrer Angehörigen auf Listen von Überlebenden, die sich etwa in Notunterkünften befinden.
EU schickt 50 Tonnen Hilfsmittel
Die EU will über eine humanitäre Luftbrücke insgesamt 50 Tonnen an Hilfsgütern schicken. Von Kopenhagen aus soll Anfang der Woche unter anderem Material für Notunterkünfte, Wasser- und Sanitäranlagen und Lehrmittel in die betroffenen Gebiete geflogen werden, wie die Kommission mitteilte.
Auch finanzielle Unterstützung kündigte die EU an. Fünf Millionen Euro für humanitäre Hilfe in den Kommunen, die am stärksten betroffen sind. Die Hilfe solle vor allem für medizinische Versorgung und Unterbringung verwendet werden.
Laut Kommission haben sich insgesamt bisher 14 EU-Länder mit Rettungskräften, medizinischem Personal, Telekommunikationsmitteln oder technischer Expertise beteiligt. Auch zwei deutsche Such- und Rettungsteams sind in Venezuela im Einsatz – eines vom Technischen Hilfswerk (THW) und eines von der Organisation @fire. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin gibt es weiterhin keine Hinweise auf deutsche Opfer.
Außerdem stellt die EU Geodaten des Copernicus Satellitensystems zur Verfügung, die Rettungskräfte in Form von Karten für ihre Einsätze nutzen könnten.
Kinder besonders betroffen
Während die Sucharbeiten andauern, harren zahlreiche Menschen in Notunterkünften oder unter freiem Himmel aus. „Wir sehen überall Familien auf der Straße – Familien, die alles verloren haben und nicht in die Trümmer ihrer Häuser zurückkehren können“, sagte Fatima Andraca, Länderdirektorin von Save the Children in Venezuela, in einer Mitteilung.
Die Strom- und Wasserversorgung, Telekommunikation und Transportwege seien in der Katastrophenregion nach wie vor stark beeinträchtigt. Die ohnehin schlecht ausgestatteten Krankenhäuser seien überlastet und die Schulen in den betroffenen Gebieten geschlossen. Besonders Kinder benötigten langfristige Unterstützung, um mit den Folgen der Katastrophe zurechtzukommen, hieß es.



