Spanien hat angesichts eines massiven Zustroms von Migranten in die nordafrikanische Exklave Ceuta das Militär angefordert. Tausende Menschen aus Marokko überwanden am Donnerstag die Grenzanlagen und gelangten auf spanisches Hoheitsgebiet. Die Regionalregierung der Exklave spricht von einer Notsituation und hat die Zentralregierung in Madrid um Unterstützung gebeten.
Hintergrund der Krise
Ceuta ist eine spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste, die nur eine schmale Grenze zu Marokko hat. Immer wieder versuchen Migranten, über die Grenzanlagen nach Europa zu gelangen. In den letzten Tagen habe die Zahl der Versuche drastisch zugenommen, berichten lokale Behörden. Nach Angaben der Regionalregierung seien allein am Donnerstag mehrere tausend Menschen gleichzeitig an verschiedenen Stellen der Grenze gestürmt.
Die spanische Polizei war zunächst überfordert. Einsatzfahrzeuge wurden umgeleitet, um die Menschenmassen in Schach zu halten. Auf Videos, die in sozialen Medien kursierten, waren hunderte Menschen zu sehen, die über die Zäune kletterten oder durch Lücken in der Grenzanlage liefen. Viele trugen Rucksäcke und Plastiktüten mit ihren Habseligkeiten.
Militärischer Einsatz und Notstand
Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska ordnete die Entsendung von Armeeeinheiten nach Ceuta an. Diese sollen die Polizei bei der Sicherung der Grenze unterstützen. Die Regionalregierung der Exklave rief den Notstand aus, um zusätzliche Befugnisse für die Sicherheitskräfte zu erhalten. „Die Situation ist außer Kontrolle geraten. Wir brauchen jede verfügbare Unterstützung, um die Ordnung wiederherzustellen“, hieß es aus der Regionalregierung.
Die spanische Regierung in Madrid steht nun unter Druck, sowohl die humanitäre Lage zu bewältigen als auch die Grenze zu sichern. Premierminister Pedro Sánchez berief eine Krisensitzung ein. Oppositionspolitiker forderten ein härteres Vorgehen gegen die illegale Einwanderung.
Humanitäre Katastrophe
Unter den Migranten befinden sich nach Angaben von Hilfsorganisationen viele Familien mit Kindern. Die Überquerung der Grenze ist extrem gefährlich. Bereits in den vergangenen Tagen seien Dutzende Menschen bei dem Versuch, die Exklave zu erreichen, ums Leben gekommen. Sie ertranken beim Schwimmen um die Grenzzäune oder stürzten von den hohen Barrieren. Die genaue Zahl der Todesopfer ist noch unklar, doch die Behörden befürchten eine zweistellige Zahl.
Das spanische Rote Kreuz richtete Notunterkünfte für die Neuankömmlinge ein. Die hygienischen Bedingungen seien prekär, es fehle an Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Die Regionalregierung appellierte an die Bevölkerung, Decken und haltbare Lebensmittel zu spenden.
Reaktionen aus Marokko und Europa
Die marokkanische Regierung zeigte sich besorgt über den Vorfall und bekräftigte ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Spanien. In der Vergangenheit hatte Marokko zeitweise die Grenzkontrollen gelockert, um politischen Druck auf Madrid auszuüben. Die Europäische Union kündigte an, Spanien finanzielle und logistische Hilfe zu leisten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte die Notwendigkeit eines gemeinsamen europäischen Ansatzes in der Migrationspolitik.
Mehrere spanische Bürgermeister aus anderen Regionen boten an, Flüchtlinge aufzunehmen. Allerdings forderte die Regionalregierung von Ceuta, dass die Migranten schnell in andere Teile Spaniens oder Europas weiterverteilt werden müssten, um eine Überlastung der Exklave zu vermeiden.
Ausblick
Die Krise in Ceuta markiert einen neuen Höhepunkt der Migrationsbewegungen an der EU-Außengrenze. Spanien hat in den letzten Jahren immer wieder Wellen von Migranten erlebt, die über die Straße von Gibraltar, die Kanarischen Inseln oder die Exklaven Ceuta und Melilla einreisen. Die aktuellen Ereignisse könnten die Debatte über eine Reform der europäischen Asylpolitik neu entfachen.



