Hitzewellen: Wie Städte resistenter gegen Klimawandel werden können
Hitzewellen: Wie Städte resistenter werden können

Hitzewellen, wie Europa sie in den vergangenen Wochen erlebt hat, werden zur Standortfrage für die Wirtschaft. Straßenbeläge platzen auf, Schienen verformen sich, Arbeitnehmer melden sich krank, Senioren sterben an der Hitze. „Hitze ist ein strukturelles Risiko, das die Infrastruktur von Städten beschädigt, die Produktivität von Unternehmen reduziert und die Gesundheit der Menschen belastet“, sagt Petra Riga‑Müller, Vorständin beim Versicherer Zurich in Deutschland. „Präventionsmaßnahmen werden unabdingbar sein, um die Versicherbarkeit unserer Städte aufrechtzuerhalten.“

Europa erwärmt sich besonders schnell

Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt. Der „European State of the Climate Report 2025“ zeigt: Seit Mitte der 1990er-Jahre steigen die Temperaturen um etwa 0,56 Grad pro Jahrzehnt – mehr als das Doppelte des globalen Durchschnitts. 2025 lagen die Temperaturen auf fast dem gesamten Kontinent über dem langjährigen Schnitt. Hitzewellen nehmen zu, und mit ihnen der Druck auf Kommunen, Infrastruktur und Unternehmen.

„Klimaprojektionen für Mitteldeutschland zeigen: Ohne wirksamen Klimaschutz könnten die heißesten Jahre, die wir heute kennen, bereits Mitte des Jahrhunderts zur Normalität werden“, sagt Astrid Ziemann, Stadtklima-Forscherin an der TU Dresden.

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Hitze wird häufig unterschätzt

Obwohl extreme Wetterereignisse im „Global Risks Report 2026“ des Weltwirtschaftsforums zu den größten Risiken des kommenden Jahrzehnts zählen, werde Hitze häufig unterschätzt, so Riga-Müller. „Viele Menschen denken bei Klimarisiken zuerst an Sturm, Hagel oder Überschwemmungen wie im Ahrtal.“ Die Probleme aus Hitzewellen seien zunächst weniger sichtbar und bauten sich erst über Wochen auf. Dann belasteten sie Lieferketten, Infrastruktur und die gesamte Wirtschaft.

Ziemann betont: „Hitze trifft zuerst die Menschen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, chronisch Kranke sowie Säuglinge und Kleinkinder.“ Auch die Wirtschaft leide unter Arbeitsausfällen und Schäden an der Infrastruktur, da viele Materialien der Hitze nicht gewachsen seien.

Bekannte Maßnahmen: Bäume, Entsiegelung, Verschattung

Viele Maßnahmen gegen Hitze sind bekannt: mehr Bäume, Entsiegelung von Flächen, Verschattung durch Sonnensegel, helle Beläge statt dunklem Asphalt, Trinkbrunnen und Wasserspender, Sprühnebel an Hotspots. Bäume sind besonders effektiv: Ein Baum mit großer Krone kann die gefühlte Temperatur im Schatten um bis zu zehn Grad senken, hat Ziemann erforscht. Der wichtigste Effekt ist die Verschattung, ergänzt durch Verdunstungskühlung der Blätter.

Doch die Umsetzung in Städten ist kompliziert. „Es hapert an der Umsetzung“, kritisiert Ziemann. Flächen werden für viele Zwecke benötigt: Wohnungsbau, Rettungswege, Leitungen, Tiefgaragen. Fehlen freie Flächen für Bäume, könnten Gebäude mit Dach- und Fassadenbegrünung einbezogen werden. Auch die Verwaltungspraxis sei hinderlich: „Planungsamt und Grünflächenamt haben oft unterschiedliche Prioritäten.“ Entscheidend sei die Zusammenarbeit der Ämter auf ein gemeinsames Ziel hin. Maßnahmen müssten lokal angepasst werden – etwa müssen Kaltluftschneisen frei bleiben, während falsch platzierte Bäume Kaltluftflüsse behindern können.

Madrid als Vorbild: Temperatur um 4,5 Grad gesenkt

„Eigentlich müsste jede Stadt ein klares Konzept haben, um die Bevölkerung und Unternehmen besser vor Hitze zu schützen“, sagt Riga-Müller. Madrid habe sich mithilfe der Zurich eine umfassende Klimastrategie gegeben: versiegelte Flächen in Grünanlagen umgewandelt, Brunnen, Wasserläufe und Kühlelemente errichtet, Bäume gepflanzt und Gehwege beschattet. An manchen Hitze-Hotspots seien die Temperaturen durch die Maßnahmen um 4,5 Grad gesenkt worden.

Riga-Müller hofft auf mehr solcher Projekte in Deutschland. „Wir führen Gespräche mit der öffentlichen Hand in Deutschland, aber die politischen Entscheidungswege sind komplex.“ Noch stünden viele Städte und Kommunen den Klimaveränderungen nahezu tatenlos gegenüber. Die jüngste Hitzewelle habe aber gezeigt, dass Handlungsdruck bestehe.

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Unternehmen handeln schneller als Kommunen

In der Wirtschaft findet Anpassung oft schneller statt. Riga-Müller sagt, Unternehmen prüften bei Investitions- und Standortentscheidungen inzwischen, welchen Einfluss Hitze auf Mitarbeitende, Produktionsabläufe und Lieferketten habe. Zurich bietet Unternehmen, Städten und Kommunen Unterstützung, die Gefahr von Naturgefahren anhand weltweiter Schaden- und Risikodaten zu analysieren und Maßnahmen zur Anpassung vorzuschlagen.