Die unsichtbare Front am Persischen Golf
Die digitale Karte zeigt Hunderte kleine Symbole rund um die Straße von Hormus – jedes davon steht für ein Schiff. Doch die Öltanker und Frachter tauchen laut dieser Karte immer wieder an Orten auf, an denen sie unmöglich sein können: an Land, auf Flughäfen oder nahe eines Atomkraftwerks. Diese falschen Anzeigen sind Teil einer unsichtbaren Front im Iran-Krieg. GPS-Navigationsdaten werden massiv gestört und verfälscht – mit immer gravierenderen Folgen für die Seefahrt, den Flugverkehr und den Alltag von Millionen Menschen.
Satellitennavigation ist längst nicht mehr nur für Handy-Apps mit Fahrdienst oder Pizza-Bestellung relevant. Schiffe und Flugzeuge steuern mit GPS, Militärs setzen es für Lenkwaffen und Drohnen ein. Genau daran setzen Störangriffe an: Sie blockieren Signale, um Raketen vom Ziel abzubringen, oder erzeugen falsche Positionsdaten, um Routen zu verschleiern.
Jamming und Spoofing: Zwei Methoden, ein Ziel
Fachleute unterscheiden zwei grundlegende Angriffsarten. Beim Jamming („Lahmlegen“) werden Satellitensignale gezielt gestört. Armeen können damit erreichen, dass feindliche Drohnen oder gelenkte Raketen ihr Ziel verfehlen. Der Gegner soll verwirrt werden, um einen taktischen Vorteil zu erlangen. Beim Spoofing („Täuschen“) hingegen werden manipulierte Signale ausgesendet, sodass etwa die Position eines Schiffs auf der Karte falsch dargestellt wird. Tanker, die entgegen Sanktionen iranisches Öl transportieren, können so ihre Route verbergen und unbemerkt Häfen ansteuern. Auch für illegale Fischerei oder Waffenschmuggel wird diese Technik genutzt. Manchmal schalten Crews den AIS-Sender, der den Standort überträgt, komplett ab – in der Branche als „going dark“ bekannt.
Windward zählt über eine Million Störfälle
Das Ausmaß ist gewaltig. Der Datenanbieter Windward registrierte seit Kriegsbeginn Ende Februar mehr als eine Million solcher Ereignisse weltweit. Davon fanden 98 Prozent bis Mitte Juni in der Golfregion statt. Windward spricht vom größten Anstieg in der Geschichte der Seefahrt: Allein in den ersten beiden Kriegswochen seien mehr als 1.100 Schiffe betroffen gewesen. Als Urheber der Manipulation gilt der Iran, der diese Technik perfektioniert haben soll. Aber auch Israel, die USA und Golfstaaten setzen GPS-Störungen ein – etwa zum Schutz von Militärbasen, Flughäfen oder Ölanlagen.
Diese Form der Kriegsführung ist nicht neu. Sie wurde bereits in der Ukraine, im Gazastreifen und beim US-Einsatz in Venezuela beobachtet. Auch im Baltikum, im Schwarzen Meer und bei Ölexporten im Osten Russlands nehmen Störungen zu. Laut Windward ist GPS-Jamming im Iran-Krieg jedoch zum „Routine-Werkzeug“ geworden und im „Mainstream“ angekommen. Kleine Störsender, die in den meisten Ländern verboten sind, werden im Internet schon für wenige hundert Euro angeboten.
Elektronische Angriffe mit langer Geschichte
Die Täuschung des Gegners ist kein modernes Phänomen. Schon im Ersten Weltkrieg versuchten Militärs, die Navigation des Feindes zu erschweren. Im Zweiten Weltkrieg attackierten Alliierte wie Achsenmächte Radar, Kommunikation und Navigation. 1940 gelang den Briten in der sogenannten „Strahlen-Schlacht“ ein wichtiger Erfolg: Sie durchschauten und störten ein neues Funksystem der deutschen Wehrmacht, woraufhin die Luftwaffe Bomben über dem falschen Ziel abwarf und Piloten sich verirrten. Elektronische Kriegsführung ist ein Wettlauf um technische Überlegenheit – und mit jeder neuen Technologie entstehen neue Angriffsmöglichkeiten.
Spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg 1991 habe sich gezeigt, dass elektromagnetische Überlegenheit für die meisten Einsätze entscheidend ist, wie die Nato in einem Bericht des Kompetenzzentrums für Luft- und Weltraum von 2018 feststellte. Seither sind weitere Fähigkeiten hinzugekommen.
Ernste Gefahr für Schiffe und Flugzeuge
Für die zivile Schifffahrt ist dieser Trend eine „sehr ernste“ und wachsende Gefahr, warnte das Royal Institute of Navigation in London bereits im Januar. Frachter und Containerschiffe seien wegen der Manipulationen schon auf Grund gelaufen. Nahe der Straße von Hormus stießen zwei Öltanker zusammen. Wenn Schiffe ihre Standortdaten nicht korrekt übermitteln, steigt das Risiko solcher Unfälle – besonders nachts, bei schlechter Sicht und in engen Meerengen.
Auch in der Luftfahrt sind die Gefahren real. Nach Angaben des internationalen Airline-Verbands IATA nahmen Fälle von GPS-Signalverlust zwischen 2021 und 2024 um 220 Prozent zu. Die Branche müsse widerstandsfähiger werden, mahnte die IATA. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde ein Flugzeug mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an Bord mutmaßlich das Ziel einer solchen Störung, hinter der Russland vermutet wurde. Gänzlich auszuschließen ist nicht, dass einzelne Flugzeuge oder Hubschrauber durch elektromagnetische Angriffe bereits zum Absturz gebracht wurden.
Alternativen und Schutz: M-Code und Magnetfelder
Kann GPS eines Tages ersetzt werden? Ja, es gibt verschiedene Ansätze. Wissenschaftler experimentieren mit Navigation anhand des Erdmagnetfelds – ähnlich wie Zugvögel und Wale es tun. Andere Arbeiten nutzen Mobilfunknetze zur Positionsbestimmung. Entwickler arbeiten zudem an verschlüsselten GPS-Varianten. Das US-Militär verwendet bereits den sogenannten M-Code, der deutlich unempfindlicher gegen Störungen ist. Die vier großen Satellitensysteme – GPS (USA), Beidou (China), Galileo (EU) und Glonass (Russland) – liefern heute Signale, die moderne Chips parallel empfangen können. Doch es geht nicht nur um Positionen: GPS übermittelt auch präzise Zeitinformationen, die für den Finanzhandel, die Telekommunikation und Stromnetze essenziell sind. Auf See greifen Crews bei Störungen oft auf traditionelle Methoden zurück: Seekarte, Radar oder die Position von Sternen.
Alltag zwischen Teheran und Beirut
Die Manipulation ist längst im Alltag angekommen. Im Iran gehören GPS-Störungen seit Jahren zur Realität. Autofahrer in der Millionenmetropole Teheran klagen, dass ihr Standort mitunter an völlig anderen Orten der Stadt oder mehrere Kilometer außerhalb angezeigt wird. Während des Kriegs führte das dazu, dass Taxifahrer Adressen oder Fahrgäste nicht fanden. In Beirut wurden Anwohner plötzlich in Ägypten oder Jordanien verortet. Auch in den benachbarten Konfliktgebieten sind Auswirkungen spürbar: Die israelische Armee setzt GPS-Jamming ein, um sich vor Hisbollah-Angriffen zu schützen, was auch im Libanon zu Störungen führt. Dort und in Israel stellten Nutzer von Dating-Apps verwundert fest, dass ihnen Profile von Menschen jenseits der Grenze angezeigt wurden – eine Begegnung, die für viele undenkbar wäre. Besonders in den Tälern des Albors-Gebirges und auf Wanderwegen kommt es häufig zu Aussetzern.
Viele Iraner zweifeln an der Wirksamkeit der Störmaßnahmen: Israel und die USA dürften ohnehin fortschrittlichere Zielsysteme nutzen. Die Manipulation schade vor allem der Zivilbevölkerung – ein Vorwurf, der sich mit jedem Störfall weiter verfestigt.



