Mehr als 60 Vorstandsvorsitzende und Spitzenmanager aus KI, Biotechnologie und Sicherheitssektor haben in einem Offenen Brief an die US-Regierung und den Kongress vor der „realen Gefahr“ gewarnt, dass Kriminelle durch KI-Unterstützung leichter an biologische Waffen gelangen könnten. Zu den Unterzeichnern gehören Sam Altman (OpenAI), Dario Amodei (Anthropic) und Demis Hassabis (Google DeepMind). Sie befürchten eine neue, KI-gestützte Ära von Biowaffen: KI-Systeme „schneiden mittlerweile besser ab als Virologen mit Doktortitel, wenn es um Fragen zu hochtechnischen Laborverfahren in deren eigenen Fachgebieten geht“, heißt es in dem Papier.
Biologische Kriegsführung durch Manipulation von Saatgut und Schädlingen
Der Einsatz von Biowaffen gegen feindliche Truppen und die Bevölkerung ist seit 1975 durch eine UN-Konvention verboten. Bisher ging es in Debatten hauptsächlich um direkte Angriffe mit Anthrax-Bakterien oder Ricin. Doch Experten sehen ein wachsendes Risiko, dass Staaten, Terrorgruppen und andere Akteure versteckter vorgehen und das Ernährungssystem ins Visier nehmen. Sie könnten manipuliertes Saatgut ausbringen, das Ernten reduziert oder ungenießbar macht, oder schädliche Pilze und Insekten freisetzen, die sich selbst vermehren.
Una Jakob, Leiterin der Arbeitsgruppe „Biologische und chemische Abrüstung und Sicherheit“ am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) in Frankfurt, warnt: „Die moderne Biotechnologie mit den Möglichkeiten der Genom-Editierung vergrößert den Werkzeugkasten für gezielte Eingriffe nicht nur, um Ernten zu steigern und Nutzpflanzen widerstandsfähiger zu machen, sondern eventuell auch für das exakte Gegenteil.“
Präzedenzfall Afghanistan: CIA und Mohnsamen als biologische Waffe?
Ein Exklusivbericht der „Washington Post“ Ende 2025 enthüllte, dass der US-Geheimdienst CIA zwischen 2004 und 2015 in Afghanistan erhebliche Mengen speziell gezüchteter Mohnsamen aus großer Höhe abgeworfen haben soll. Ziel war es, den Anbau von Schlafmohn für die Opiumproduktion zu sabotieren und eine wichtige Einnahmequelle afghanischer Warlords zu schmälern. Die Mohnpflanzen seien so gezüchtet gewesen, dass sie kaum Morphin enthielten. Obwohl nicht offiziell bestätigt, beunruhigt allein das Szenario Experten.
Barry de Vries, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität Gießen, erklärt: „Jedes potenzielle biologische Agens könnte unter die Definition von Biowaffen fallen, wenn es für nicht-friedliche Zwecke eingesetzt wird.“ Die USA hätten den Kampf gegen illegale Drogen als friedlichen Zweck definiert, aber die Konvention erlaube eine andere Lesart: „Es könnte auch argumentiert werden, dass die Zerstörung der lokalen Drogenpflanzen und damit der Einkommensgrundlage lokaler Gruppen nicht unter den Begriff der friedlichen Zwecke fällt.“
Gunnar Jeremias, Biowaffenforscher an der Universität Hamburg, geht noch weiter: „Sobald man veränderte biologische Agenzien in feindseliger Absicht ausbringt, ist es eine Biowaffe.“
Insect Allies und die Gefahr durch Drohnen
Bereits 2018 warnten deutsche und französische Wissenschaftler vor dem US-Forschungsprogramm „Insect Allies“, das Methoden entwickeln sollte, wie Insekten genetisch veränderte Viren in Nutzpflanzen übertragen können. Die Völkerrechtlerin Silja Vöneky von der Universität Freiburg erklärte, das Programm könnte das Biowaffen-Übereinkommen verletzen. Drohnen machen es heute leichter, manipuliertes Saatgut oder Schädlinge unauffällig auszubringen.
Der „Afghanistan Opium Survey 2025“ der Vereinten Nationen zeigt, dass die Opiummenge im fraglichen Zeitraum knapp verdreifacht wurde. Erst die Machtübernahme der Taliban 2021 leitete einen drastischen Rückgang ein. Künftig könnten solche Projekte durch neue Technologien größere Erfolgschancen haben, so Sicherheitsforscherin Jakob.
Forderung nach UN-Verifikationsmechanismus und DNA-Screening
Experten wie Jakob und Jeremias fordern, das Biowaffen-Übereinkommen der UN mit einem Verifikationsmechanismus für Kontrollen und Untersuchungen vor Ort auszustatten. Bisher fehlt ein solcher im Gegensatz zu Atom- und Chemiewaffenabkommen. Jakob betont: „Schon der Vorwurf, dass ein Land Biowaffen eingesetzt hat, ist sehr schwerwiegend und kann zur Rufschädigung missbraucht werden.“ Sie verweist auf falsche russische Behauptungen über US-Biowaffenlabore in der Ukraine. „Auch um solchen Falschinformationen vorzubeugen, wäre es wichtig, dass es endlich ein effektives Prozedere der Verifikation gibt.“
Das Auswärtige Amt hat bei der UN bereits konkrete Vorschläge unterbreitet: „Deutschland setzt sich für die Entwicklung von wissenschaftlich fundierten und technisch umsetzbaren Maßnahmen für ein künftiges Verifikationsregime ein.“ Die nächste Chance für Fortschritte bietet die Überprüfungskonferenz 2027.
In ihrem Brief fordern die Manager von der US-Regierung Maßnahmen gegen mögliche Biowaffenexperimente. Als ersten Schritt soll das Screening von Bestellungen synthetischen Erbguts bei kommerziellen Labors auf Risiken und deren dauerhafte Dokumentation eingeführt werden. „Angesichts des Tempos, mit dem die zugrundeliegenden Technologien voranschreiten, ist eine solche Maßnahme dringend nötig“, heißt es. Der US-Kongress müsse umgehend handeln.



