Nur wenige Stunden nach der Warnung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor einem bevorstehenden russischen „Großangriff“ auf sein Land ist die Hauptstadt Kyjiw massiv unter Beschuss gekommen. In der Nacht zum Donnerstag waren laut dem Bericht von AFP-Korrespondenten mehr als ein Dutzend Explosionen zu hören. „Kyjiw steht unter Beschuss durch ballistische Raketen und Drohnen“, erklärte Bürgermeister Vitali Klitschko. Bei den Angriffen wurden nach Behördenangaben mindestens zwei Menschen getötet und mehr als ein Dutzend weitere verletzt. „Die ganze Stadt“ werde von Russland angegriffen, schrieb Klitschko im Onlinedienst Telegram. Er rief die Einwohner auf, in Schutzräume zu gehen und vorerst dort zu bleiben. Laut dem Bericht der AFP-Korrespondenten rannten Erwachsene und Kinder in U-Bahn-Stationen, manche von ihnen hatten ihre Haustiere dabei. Immer wieder ertönte Luftalarm. Im Zentrum der Stadt brach mindestens ein Feuer aus. Feuerwehr und Krankenwagen rasten unter einer dicken Rauchwolke zum Ort der Explosion. Auch Ziele rings um Kyjiw griff die russische Armee an. „In der Nacht verübte der Feind erneut einen massiven Angriff auf die Region Kiew unter Einsatz von Kampfdrohnen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern“, erklärte der Gouverneur der Hauptstadtregion, Mykola Kalaschnyk. In Lagerhäusern und einem Wohnhaus im Bezirk Butscha seien Brände ausgebrochen. Andernorts seien Wohnhäuser, ein Studentenwohnheim und Fahrzeuge beschädigt worden.
Selenskyj warnt vor massivem russischen Angriff
Russland will nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj noch heute einen massiven Angriff auf die Ukraine ausführen. Das sagte Selenskyj bei einer Pressekonferenz in Dublin am Rande der Zeremonie zur Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Irland. Alle ein bis zwei Wochen führe Russland massive Angriffe mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen verschiedener Art aus, so der ukrainische Staatschef. „Heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs“, sagte Selenskyj. Daher werde er direkt nach der Pressekonferenz rasch in die Ukraine zurückkehren. Die Menschen in seinem Land rief er auf, Alarmsignale zu beachten und Schutzräume aufzusuchen. Tags zuvor hatten bereits der Bürgermeister der westukrainischen Großstadt Iwano-Frankiwsk, Ruslan Marzinkiw, und der Gouverneur des südukrainischen Gebiets Cherson, Olexander Prokudin, die Bevölkerung vor einem möglichen größeren russischen Angriff für die Nacht zum Mittwoch gewarnt.
Mindestens sechs Tote bei russischen Angriffen
Bei russischen Angriffen in der Ukraine sind nach ukrainischen Angaben mindestens sechs Menschen getötet und rund 50 weitere verletzt worden. In Charkiw im Nordosten des Landes wurde bei Angriffen mit sieben Gleitbomben ein 15-Jähriger getötet und 32 weitere Menschen wurden verletzt, wie der Bürgermeister Ihor Terechow im Onlinedienst Telegram meldete. In der südlichen Region Odessa wurden Regionalgouverneur Oleh Kiper zufolge bei einem Raketenangriff, der ein Feuer auslöste, zwei Menschen getötet und 15 weitere verletzt. In der südlichen Region Cherson wurden bei einem Drohnenangriff auf einen Minibus eine 18-jährige Frau und ein weiterer Mensch getötet, wie Regionalgouverneur Oleksandr Prokudin meldete. Neun weitere Menschen seien zudem verletzt worden. Bei einem weiteren Drohnenangriff auf ein Verwaltungsgebäude in der Region Cherson wurde demnach ein Mensch getötet und zwei weitere verletzt.
Drohnen- und Raketenangriffe im Juni rückläufig
Russland hat die Ukraine im Juni mit deutlich weniger Drohnen und Raketen angegriffen als im Vormonat. Wie aus einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Daten der ukrainischen Luftwaffe hervorgeht, attackierte Moskau das Nachbarland mit 5749 Drohnen und 180 Raketen. Bei den Drohnen betrug der Rückgang 29 Prozent, bei den Raketen 15 Prozent. Der Rückgang folgt auf mehrere Monate mit besonders massiven russischen Luftangriffen. Im Mai hatte Russland die Ukraine nach einer AFP-Auswertung mit der höchsten monatlichen Zahl an Drohnen seit Beginn des Angriffskrieges im Februar 2022 attackiert. Damals setzte Moskau mindestens 8150 Langstreckendrohnen und 211 Raketen ein.
Ukrainische Drohnenangriffe lassen russische Dieselexporte einbrechen
Attacken der Armee Kyjiws mit Drohnen auf wichtige Raffinerien haben Russlands Ausfuhren von Diesel auf dem Seeweg im Juni einbrechen lassen. Die Exporte von Diesel und Gasöl sanken im Vergleich zum Vormonat um 39 Prozent auf rund 1,8 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Rückgang von 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die Lieferungen aus Primorsk, dem wichtigsten russischen Exporthafen für Diesel, sanken Schätzungen von Händlern zufolge um mehr als die Hälfte auf 623.000 Tonnen. Die Produktionsausfälle wirken sich auch auf den russischen Inlandsmarkt aus. Angesichts einer steigenden saisonalen Nachfrage führte das sinkende Angebot zu Engpässen und Verkaufsbeschränkungen in mehreren Regionen. Nach Einschätzung von Händlern könnten die Exporte im Juli wegen längerer außerplanmäßiger Wartungsarbeiten und einer starken Inlandsnachfrage fast zum Erliegen kommen.
Brand in russischer Raffinerie nach drei Tagen gelöscht
Der nach einem ukrainischen Drohnenangriff am Wochenende ausgebrochene Brand in einer Raffinerie in Südrussland ist offiziellen Angaben nach nun gelöscht worden. „Heute um 15:30 kam die offizielle Bestätigung: Das Feuer in der Raffinerie 'Slawjansk Eko' wurde vollständig liquidiert“, teilte der Notrufdienst des Landkreises Slawjansk-na-Kubani im Gebiet Krasnodar mit. In der Nacht zum Sonntag hatte die Ukraine die Raffinerie mit Drohnen attackiert. Gouverneur Wenjamin Kondratjew bestätigte die Schäden. Ziel der Angriffe ist es, den angreifenden russischen Truppen die Kraftstoffversorgung und dem Kreml die Kriegsfinanzierung zu erschweren. Als Folge der ständigen Attacken ist die Treibstoffproduktion in Russland deutlich zurückgegangen. Vor russischen Tankstellen, die noch Benzin verkaufen, bilden sich täglich lange Schlangen.



