Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, hat in einem Gastbeitrag für die britische Zeitung „The Telegraph“ vor einem „gefährlichen Fehlschluss“ gewarnt. Es sei irrig anzunehmen, dass sich der Krieg in der Ukraine dem Ende zuneige, nur weil die ukrainische Armee zuletzt militärische Erfolge erzielt habe. Saluschnyj, der seit 2024 als Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich tätig ist, warnt davor, die strategische Gesamtlage aus den Augen zu verlieren.
Saluschnyj: Krieg ist ein Abnutzungskrieg
Saluschnyj erinnert daran, dass es sich bei den Kämpfen um einen Abnutzungskrieg handelt. In einem solchen Krieg gewinne nicht die Seite, die mehr Geländegewinne erziele, sondern diejenige, die länger durchhalte. „Jeder taktische Gewinn hat enorme Kosten“, schreibt Saluschnyj. Positionen könnten zwar eingenommen werden, aber sie zu halten, zu verstärken und Verwundete zu evakuieren, sei unter ständiger Drohnenüberwachung zunehmend schwierig geworden. Auch die ukrainischen Schläge gegen die russische Logistik seien zwar „zunehmend effektiv“, aber teuer und führten zu russischen Gegenattacken. Im Ergebnis drehe man sich im Kreis: Keine Seite komme nach klassischen militärischen Maßstäben voran.
Russland setzt auf Erschöpfung der Ukraine
Russland, so Saluschnyj, spiele auf Zeit. Zwar habe die Ukraine Putins Kriegsziele bisher verhindert und dem feindlichen Militär sowie der russischen Wirtschaft schwere Schäden zugefügt. Doch Moskau setze darauf, die Ukraine „ökonomisch, militärisch und psychologisch zu erschöpfen“. Dabei habe Russland gegenüber der Ukraine den Vorteil einer größeren Reserve an Personal sowie einer größeren industriellen Kapazität in kritischen Sektoren, darunter die Produktion ballistischer Raketen.
Abhängigkeit von internationaler Hilfe
Ferner verweist Saluschnyj auf die Abhängigkeit der Ukraine von internationaler Unterstützung: „Politische Veränderungen in Washington und anhaltende Spaltungen innerhalb Europas werfen berechtigte Fragen darüber auf, ob das heutige Unterstützungsniveau unbegrenzt aufrechterhalten werden kann.“ Bei der Unterstützung geht es dieser Tage vorwiegend um die teuren und knappen Patriot-Abfangraketen. Die Bestände in der Ukraine sind gering, was Russland offenbar für Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung ausnutzt. US-Präsident Donald Trump versprach jüngst, dass die Ukraine die Verteidigungswaffen künftig in Lizenz selbst produzieren dürfe. Doch an dem Vorhaben „ist vieles unklar“, wie der österreichische Militärexperte Gustav Gressel dem Tagesspiegel mitteilte. Das betreffe unter anderem die Finanzierung.
Saluschnyj als politischer Konkurrent Selenskyjs
Saluschnyj ist in der Ukraine beliebt und gilt als politischer Konkurrent von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Er warf Selenskyj vor, für die gescheiterte ukrainische Gegenoffensive 2023 verantwortlich zu sein. Bereits in einem Aufsehen erregenden Artikel für die britische Zeitschrift „The Economist“ hatte der General geschrieben, dass der Krieg am Boden in eine Pattsituation geraten sei. Im Februar 2024 wurde Saluschnyj von Selenskyj entlassen. Zur Begründung hatte Selenskyj von einer nötigen Erneuerung der Armeeführung gesprochen.



