Archäologen der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Latebra Stiftung planen neue Untersuchungen, um das Rätsel um sechs menschliche Skelette zu lösen, die vor zwei Jahren im ehemaligen Wohnhaus von Hermann Göring auf dem Gelände von Hitlers „Wolfsschanze“ im heutigen Polen entdeckt wurden. Trotz umfangreicher kriminaltechnischer Ermittlungen konnte die Identität der Toten bislang nicht festgestellt werden.
Grausamer Fund: Sechs Tote ohne Hände und Füße
Die menschlichen Überreste wurden in einer Tiefe von etwa 20 Zentimetern in einem Gebäudebereich ohne Unterkellerung bestattet. Den Skeletten fehlten Hände und Füße. Sie konnten sowohl Erwachsenen als auch Kindern zugeordnet werden. Trotz sofort eingeleiteter Ermittlungen gelang es weder, die Identität der Verstorbenen zu bestimmen, noch die Todesumstände zu rekonstruieren. Mangels weiterer Erkenntnisse wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.
Neue archäologische Untersuchungen geplant
Forscher der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Mitarbeitende der Latebra Stiftung beabsichtigen nun, den Fundkomplex im Rahmen neuer archäologischer Untersuchungen erneut wissenschaftlich zu analysieren. Nach Angaben des Fachmagazins „HeritageDaily“ sollen Ausgrabungen dazu beitragen, die Identität der Verstorbenen zu klären sowie den Zeitpunkt und die Umstände ihres Todes möglichst präzise zu bestimmen.
Wie der Leiter der archäologischen Untersuchungen, Jakub M. Niebylski, erläuterte, soll zunächst geprüft werden, ob weitere Fragmente der bereits geborgenen Skelette vorhanden sind oder sich im untersuchten Gebäudebereich zusätzliche menschliche Überreste beziehungsweise weitere Bestattungen nachweisen lassen. Darüber hinaus ziehen die Archäologen die Möglichkeit in Betracht, dass die Gräber älter sind als das Gebäude selbst und bereits vor dessen Errichtung an dieser Stelle angelegt wurden. Diese Hypothese könnte die bisherige Interpretation grundlegend verändern.
Umfangreiche Bodenproben sollen neue Erkenntnisse bringen
Die Archäologen verfolgen bei den geplanten Untersuchungen ein schrittweises Vorgehen, um den Fundort möglichst vollständig zu dokumentieren und potenzielle Spuren zu erhalten. Nach Angaben von Stanisław Zachariasz, Vorstandsmitglied der Latebra Stiftung, wird das entnommene Erdmaterial systematisch gesiebt und jede Bodenprobe eingehend analysiert. Fundfragmente würden mit größter Sorgfalt untersucht, da der Fundort möglicherweise weitere archäologische Hinweise enthält, die für die Rekonstruktion der dortigen Ereignisse von entscheidender Bedeutung sein könnten.
Sollten die Untersuchungen die Annahme stützen, dass die Bestattungen älter sind als das ehemalige Wohnhaus von Hermann Göring, beabsichtigen die Forschenden, die archäologischen Arbeiten auf das unmittelbare Umfeld des Gebäudes sowie auf weitere Bereiche der Wolfsschanze auszuweiten. Gegenwärtig liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen jedoch auf der Klärung der Identität der sechs Verstorbenen sowie der Rekonstruktion der zeitlichen und ursächlichen Umstände ihres Todes.
Die Wolfsschanze: Hitlers wichtigstes militärisches Hauptquartier
Die Wolfsschanze gehörte zu den wichtigsten militärischen Führungsquartieren der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs. Adolf Hitler hielt sich dort insgesamt mehr als 800 Tage auf und traf von diesem Standort aus zahlreiche weitreichende militärische und politische Entscheidungen. Dazu zählten unter anderem die Planung und Leitung der Operation Barbarossa, des Angriffs auf die Sowjetunion, sowie Maßnahmen zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands. Am 20. Juli 1944 war die Wolfsschanze zudem Schauplatz des Attentats auf Hitler, das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg ausgeführt wurde.
Die baulichen Hinterlassenschaften von Hermann Göring auf dem Gelände der Wolfsschanze beschränken sich im Wesentlichen auf seinen Bunker und das ehemalige Wohnhaus. Letzteres zählte aufgrund seiner aufwendigen Gestaltung zu den auffälligsten Gebäuden des Komplexes und entsprach Görings Vorliebe für eine prunkvolle Architektur und luxuriöse Ausstattung. Zeitgenössischen Berichten zufolge hielt sich Göring jedoch nur ungern in der Wolfsschanze auf. Wann immer es die Umstände erlaubten, zog er sich in sein Jagdhaus in der Rominter Heide zurück, wo er seiner Leidenschaft für die Jagd nachging.



