Die Ukraine verfolgt bei ihren Drohnenangriffen gegen Russlands Energieindustrie eine neue Taktik: Statt wahlloser Attacken zielen die Streitkräfte zunehmend auf schwer ersetzbare Schlüsselkomponenten von Raffinerien und anderen Anlagen. Ziel ist es, den Betrieb der Anlagen möglichst lange zu unterbrechen und jeden Angriff für Russland kostspieliger zu machen, wie die „Financial Times“ unter Berufung auf ukrainische Militärplaner, Drohnenpiloten und Energieexperten berichtet.
Präzise Schläge auf empfindliche Komponenten
Drohneneinheiten erhalten demnach von Ingenieuren und Branchenfachleuten detaillierte Informationen darüber, welche Pipelines, Schornsteine, Verbindungsstellen oder andere Anlagenteile für den Betrieb unverzichtbar sind und nur mit großem Aufwand ersetzt werden können. Eine Analyse von Satellitenbildern zeigt, dass die Ukraine zunehmend dieselben kritischen Anlagenteile wiederholt angreift, bevor Reparaturen abgeschlossen werden können.
„Die russische Energieinfrastruktur wird als ein zusammenhängendes Netzwerk betrachtet und nicht als Ansammlung einzelner Ziele“, sagte der frühere ukrainische Verteidigungsminister Andrij Sahorodnjuk, der heute ein sicherheitspolitisches Forschungszentrum in Kyjiw leitet. Ein vergleichsweise kleiner Gefechtskopf könne an den richtigen Knotenpunkten weitreichende Störungen auslösen.
Know-how aus Sowjetzeiten als Vorteil
Russland und die Ukraine hätten ähnliche, aus der Sowjetzeit stammende Energiesysteme, was ukrainischen Ingenieuren ein detailliertes Verständnis der Anlagen und ihrer Schwachstellen verschaffe. „Leider lernen wir von den Russen“, sagte Sahorodnjuk mit Blick auf die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die mit Raketen und Drohnen erfolgen.
Robert Browdi, Kommandeur der ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systeme, erklärte der „Financial Times“: „Das Ziel ist klar: Erstens soll die Quelle zerstört werden, die Putins Krieg finanziert – der Ölhandel. Zweitens geht es um den militärisch-industriellen Komplex, der die Besatzungsarmee mit Waffen versorgt.“
Westliche Unterstützung bei Zielerfassung
Nach Angaben ukrainischer Vertreter greift man auf Informationen aus den USA und Frankreich zurück, um russische Luftabwehrstellungen zu lokalisieren, Flugrouten für Drohnen tief in russisches Gebiet zu ermitteln und Ziele zu erfassen. Browdi zufolge gehört auch die systematische Ausschaltung russischer Luftabwehr- und Radarsysteme zur Strategie. Dadurch sollen Korridore für weitere Drohnenangriffe geöffnet werden.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am vergangenen Wochenende laut „Financial Times“ den neu ernannten Oberbefehlshaber und den kommissarischen Verteidigungsminister angewiesen, die Langstreckenangriffe auszuweiten. Der künftige Verteidigungsminister Jewhenij Chmara sagte demnach, er habe gemeinsam mit dem neuen Oberkommandierenden Mychajlo Drapatyj Pläne entwickelt, den Krieg „so weit wie möglich auf das Territorium des Aggressors“ zu verlagern.
Auswirkungen auf den Kriegsverlauf
Die verstärkten Angriffe auf russische Energieanlagen haben bereits zu Produktionsausfällen geführt. Experten schätzen, dass mehrere Raffinerien zeitweise ihre Aktivitäten einstellen mussten, was die Treibstoffversorgung der russischen Armee beeinträchtigt. Die Ukraine hofft, durch die gezielte Zerstörung kritischer Infrastruktur den finanziellen Druck auf Moskau zu erhöhen und die Kriegsführung Russlands nachhaltig zu stören.



