Ukraine greift Wildberries-Lager an: Milliarden-Schaden und politisches Kalkül
Warum Kiew Wildberries-Lager angreift

Seit Tagen greift die Ukraine gezielt Lager des russischen Online-Händlers Wildberries an. Die Schäden gehen in die Milliarden und betreffen Hunderttausende Händler. Für die Attacken gibt es mehrere Erklärungen – von militärischer Notwendigkeit bis zu politischem Druck.

Angriffe auf Logistikzentren: Elf Lager in zwei Wochen getroffen

In Rjasan quellen riesige schwarze Rauchwolken aus einem Wildberries-Lager. Augenzeugen filmen, wie Kampfdrohnen durch die Häuserschlucht manövrieren. Eine Frau klagt auf ihrem Blog, Wildberries habe sie trotz des Brandes aufgefordert, ihre Waren auszuladen, sonst werde sie bestraft. „Wohin soll ich sie ausladen – etwa direkt ins Feuer?“, fragt sie.

Das Lager in Rjasan war bereits das elfte Logistikzentrum, das die Ukraine in weniger als zwei Wochen angegriffen hat, wie Medien berichten. Mindestens acht davon brannten teilweise aus. In der Nacht zu Donnerstag setzte die Ukraine ein weiteres Lager in der Region Pensa in Brand. Nach Angriffen auf Raffinerien demonstriert Kiew damit erneut die Hilflosigkeit der russischen Flugabwehr.

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Gewaltiger Schaden: Eine Million Quadratmeter zerstört

Der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Da die Ukraine vor allem Großlager traf, sind inzwischen mehr als eine Million Quadratmeter ausgebrannt – etwa 20 Prozent der gesamten Lagerfläche des Unternehmens. Laut dem unabhängigen Wirtschaftsportal „The Bell“ vernichteten die Flammen allein Lagerräume im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro. Die zerstörten Waren hatten einen Wert von fast 1,7 Milliarden Euro.

Für Wildberries, das als russisches Pendant zu Amazon gilt, sind die Angriffe eine existenzielle Bedrohung. Das Unternehmen hatte zuletzt massiv mit Krediten expandiert, baute Lagerflächen im Eiltempo aus, gründete eine Online-Bank und ein Reisebüro. Diese Strategie könnte nun zum Bumerang werden.

Warum Wildberries? Mehrere Erklärungsansätze

Das ukrainische Militär begründete die Attacken damit, dass auf der Plattform Rüstungsgüter wie FPV-Drohnen, Glasfaserkabel, Panzerplatten und Schutzwesten gehandelt würden. Diese Version ziehen selbst der Ukraine wohlgesonnene Beobachter in Zweifel. Der Journalist Wladislaw Gorin sagte in seinem Podcast bei „Meduza“, dass Wildberries kein militärisches Ziel sei. Die Argumentation ähnele der Moskaus, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil diese angeblich auch Soldaten mit Strom und Wärme versorgten.

Der Anteil militärischer Güter ist gering. Vielmehr spielt die wirtschaftliche Komponente eine Rolle. Wildberries ist Russlands größter Online-Händler mit einem Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro im Jahr 2025. Der Gewinn lag bei knapp zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der Konkurrent Ozon kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn.

Wirtschaftlicher Druck: Treffer für Kleinunternehmer

Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. Mit relativ wenig Aufwand fügt die Ukraine russischen Unternehmern riesigen Schaden zu. Die Wirtschaft wird dadurch nicht zusammenbrechen, aber vor allem Klein- und Kleinstunternehmen leiden. Bis zu 400.000 Russen sind als Händler auf der Plattform aktiv – sie erleiden enorme Verluste, die Wildberries nur zu einem Bruchteil ersetzt. In sozialen Netzwerken sind die Klagen groß.

Kurz vor der Duma-Wahl ist diese Unzufriedenheit ein Druckmittel, auf das Kiew setzt. Das ist zynisch, entspricht aber dem Kalkül Moskaus beim Beschuss ukrainischer Kraftwerke. Allerdings spielen die Probleme der Russen für Kremlchef Wladimir Putin nur eine untergeordnete Rolle. Der Machtapparat hat Medien, Zensur und Sicherheitskräfte, um Unzufriedenheit zu unterdrücken. Es könnte Putin eher dazu bewegen, den Krieg weiter zu eskalieren.

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Ein weiterer Grund: Der schmutzige Scheidungskrieg

Es gibt eine weitere Theorie: 2024 gab es um Wildberries einen blutigen Scheidungskrieg. Gründerin Tatjana Kim warf ihren Mann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen. Der verbündete sich mit Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow und wollte mit Bewaffneten ins Hauptquartier eindringen. Bei einer Schießerei mit dem Wachdienst kamen zwei Männer ums Leben. Kim fusionierte den Konzern mit der Agentur Russ. Die Fusion musste im Kreml abgesegnet werden – angeblich sind seither hochrangige Putin-Vertraute wie Anton Waino und Alexej Gromow beteiligt.

Offiziell gibt es keine Angaben dazu. Auffällig ist jedoch, dass der Kreml Wildberries nicht zu Schadenersatz für ruinierte Kleinunternehmer drängt. Stattdessen gab es Lob aus dem Kreml und Überlegungen, dem Unternehmen mit einer Staatsbank zu helfen, den Bankrott zu vermeiden.