Christen in Israel zunehmend Ziel von Anfeindungen: „Hooligans der Religion“
Christen in Israel: Anfeindungen nehmen zu

Ein Überwachungsvideo aus Jerusalem zeigt, wie ein Mann im April 2024 von hinten auf eine katholische Nonne zurennt, sie zu Boden stößt und brutal auf die am Boden Liegende eintritt. Die Nonne erlitt Kopfverletzungen und musste medizinisch versorgt werden. Der mutmaßliche Täter wurde angeklagt. Der Vorfall ereignete sich vor der Dormitio-Abtei, einem deutschen Benediktinerkloster auf dem Berg Zion. Abt Nikodemus Schnabel, der die Nonne persönlich kennt, berichtet: „Sie hat später gesagt: Da war so viel Hass in seinen Augen. Sie war überzeugt, dass er sie umbringen wollte.“

Anfeindungen gegen Christen in Israel nehmen zu

Laut der interreligiösen israelischen Organisation Rossing Center wurden im Jahr 2023 insgesamt 155 christenfeindliche Vorfälle registriert. Körperliche Angriffe machten mit 61 Meldungen den größten Teil aus, gefolgt von Vandalismus an Kircheneigentum, Beschimpfungen und Verunstaltung christlicher Symbole. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, da viele Übergriffe nicht gemeldet werden. Michael Rimmel, Leiter des Israel-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, erklärt: „Es handelt sich hier um eine kleine, aber sehr laute fundamentalistische Minderheit in der jüdischen Bevölkerung.“

Die Täter: eine radikale Minderheit

Die Angreifer stammen oft aus sektenartigen Subgruppen innerhalb strengreligiöser jüdischer Milieus. Sie leben häufig isoliert, haben wenig Kontakt zum israelischen Staat und durchlaufen teilweise nicht das formale Bildungssystem. Laut Rossing Center zeigen jüngere Menschen und solche, die sich als besonders religiös identifizieren, öfter intolerante Haltungen. Das Ausspucken vor Christen befürworteten nur 3,7 Prozent der Befragten, während mehr als die Hälfte eine Bestrafung für sinnvoll hielt. „Es ist nicht so, dass in ganz Israel Christenhass herrscht“, betont Michael Rimmel.

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Hauptangriffsziele: sichtbare christliche Symbole

Die Übergriffe konzentrieren sich auf Jerusalem, wo die Dichte christlicher Symbole am höchsten ist. In der Altstadt sind heilige Stätten, Pfarrer und Nonnen in Ordenstracht allgegenwärtig. In anderen Städten wie Haifa sind die Reibungen geringer: Dort gaben nur zwei Prozent der Christen an, wegen ihrer Religionszugehörigkeit angegangen worden zu sein, in Jerusalem hingegen jeder fünfte. Die Angriffe richten sich laut Rimmel nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen christliche Symbolik. So wurde die Nonne nicht wegen ihres Alters angegriffen, sondern weil sie sichtbar eine Ordensfrau war. Auch Abt Schnabel berichtet, dass er in Zivilkleidung unerkannt bleibt.

Alltägliche Diskriminierung und extreme Gewalt

Abt Schnabel erlebt täglich Anfeindungen: „Wenn ich im Habit unterwegs bin, wird vor, hinter oder neben mir ausgespuckt. Alle paar Monate versuchen Menschen, das Kreuz anzuspucken, das ich um den Hals trage.“ Das Kloster wird immer wieder mit Graffitis beschmiert, darunter Parolen wie „Tod den Christen“. In Google-Bewertungen wird die Abtei als „unreiner und widerlicher Ort“ bezeichnet. Zu den Vorfällen zählen eingeschlagene Fensterscheiben, Friedhofsschändungen und Brandanschläge. 2015 wurde am zweiten Standort des Klosters in Tabgha am See Genezareth ein Feuer gelegt. Der damalige Anwalt und heutige Polizeiminister Itamar Ben-Gvir verteidigte die Täter vor Gericht. Auch im Dorf Taybeh im Westjordanland, einer der ältesten christlichen Gemeinden der Welt, werden Christen immer wieder von radikalen Siedlern tyrannisiert: Feuer an einer Kirche aus dem fünften Jahrhundert, zerschlagene Fenster, angezündete Autos.

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Staatliche Reaktionen und gesellschaftliche Entwicklung

Während das Anspucken von Personen rechtlich geahndet werden kann, wird das Ausspucken vor christlichen Symbolen oft geduldet. Polizeiminister Ben-Gvir bezeichnete es als „alten jüdischen Brauch“, der nicht zu kriminalisieren sei. Experte Rimmel hält eine Verschärfung der Strafen für sinnvoll: „Damit würde man als Staat auch deutlicher signalisieren: Das geht nicht.“ Zusätzlich spricht er sich für Bildungsarbeit in strengreligiösen Milieus aus. Das Rossing Center konstatiert eine besorgniserregende Entwicklung: „Belästigungen und Gewalt gegen Christen halten in einem gesellschaftspolitischen Klima an, das gegenüber Vielfalt zunehmend intolerant ist und in seinen exklusivistischen national-religiösen Ansprüchen immer selbstbewusster auftritt.“ Abt Schnabel bestätigt: „Als ich 2003 in das Kloster eingetreten bin, war man noch richtig stolz auf uns. Das ist vorbei.“ Er beobachtet eine Verschiebung: „Früher wurde ich nachts in dunklen Gassen und ohne Augenzeugen angespuckt. Seit die jetzige Regierung an der Macht ist, erleben wir eine absolute Enttabuisierung.“

Krieg und Leid für alle Zivilisten

Christen leiden auch unter den militärischen Konflikten in der Region. Im Norden Israels herrscht Sorge vor Angriffen der Hisbollah. „Der Hisbollah ist es egal, ob ihre Raketen Juden, Christen oder Muslime treffen“, sagt Rimmel. Abt Schnabel kritisiert die Verharmlosung des Krieges: „Auf einmal wird Krieg so schön bekömmlich, wenn man ihn in Schaubildern und Diagrammen aufbereitet. Dabei reden wir über zerstörte Biografien, zerfetzte Menschenkörper, Kultur- und Umweltzerstörung.“ Die Würde des Menschen stehe in allen Religionen im Zentrum, doch im Krieg werde die Nationalflagge sakralisiert, während die Heiligkeit des menschlichen Lebens unter die Räder komme.

Bleiben trotz allem

Trotz der Anfeindungen erwägen einige Christen, das Land zu verlassen. Abt Schnabel selbst kann sich das nicht vorstellen. Er lebt gern in Israel, die Klöster an den biblischen Orten Jerusalem und am See Genezareth sind für ihn Sehnsuchtsorte. „Wenn wir den Konflikt mal ausblenden, ist es einfach unglaublich, an solchen Gnadenorten leben zu dürfen“, sagt er. Er möchte eines Tages auf dem Klosterfriedhof beerdigt werden.