Schon beim ersten WM-Spiel Kolumbiens gegen Usbekistan waren viele politische Gesänge zu hören. Nach der Wahl am Sonntag ist im Stadion ein klares Stimmungsbild zu erkennen. Bei einem Ortsbesuch in Guadalajara zeigt sich, wie tief die Gesellschaft gespalten ist.
Fußball und Politik: Eine untrennbare Verbindung
Ein kolumbianischer Fan möchte wenige Stunden vor Anpfiff im Stadion von Guadalajara nicht über die Wahl sprechen. Fußball und Politik seien zwei Dinge, die man am liebsten getrennt halten sollte. Doch wie sich immer wieder zeigt, lassen sie sich einfach nicht trennen. Bei dieser WM ohnehin nicht, und erst recht nicht in dieser Woche. Auch das hart erkämpfte 1:0 von Kolumbien gegen die DR Kongo am Dienstag stand im Schatten der Politik – genauer gesagt im Schatten der Präsidentschaftswahlen zwei Tage zuvor und des Sieges des rechtsextremen Kandidaten Abelardo de la Espriella.
„Das Land ist sehr gespalten“
„Das Land ist sehr gespalten“, sagt Andres Guerra, der vor dem Spiel mit seinen Freunden im kleinen Stadion-Biergarten steht. „Das Wahlergebnis war praktisch 50 Prozent zu 50 Prozent, also gibt es ein sehr hohes Maß an Polarisierung.“ Kolumbien ist politisch tief gespalten. Wie es mittlerweile oft in demokratischen Ländern der Fall ist, war diese Präsidentschaftswahl ein erbitterter Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Visionen. Auf der einen Seite stand Ivan Cepeda, designierter Nachfolger des linken Amtsinhabers Gustavo Petro. Auf der anderen der grelle Millionär de la Espriella, der von Donald Trump unterstützt wurde, LGBT-Rechte einschränken und mit einer „eisernen Hand“ regieren will.
Unterschiedliche Reaktionen der Fans
Für Fan Guerra war der knappe Sieg des Letzteren kein Grund zur Freude: „Ich bin jemand, dem Naturschutz sehr wichtig ist. Kolumbien ist das Land mit der zweithöchsten Artenvielfalt der Welt, und für mich ist es inakzeptabel, wenn ein Präsident sagt, er will ‚so viel Fracking wie möglich‘.“ In Guadalajara war er damit aber gefühlt in der Minderheit. Wie schon in der Hauptstadt hatten die kolumbianischen Fans auch hier die Stadt und das Stadion für sich erobert, und viele waren politisch in Feierlaune. „Die meisten Fans hier im Stadion haben den gleichen Kandidaten unterstützt. Man sieht, dass alle zufrieden sind“, sagt Alejandro Gutierrez, der aus Medellín angereist war. Sein Freund Sebastian Ortiz gehörte ebenfalls dazu: „Wir hatten zuletzt eine Regierung, die viel zum Schlechten verändert hat, was die Wirtschaft anging. Persönlich bin ich also sehr zufrieden mit dem Ergebnis.“
Politische Gesänge und das Nationaltrikot als Symbol
Schon beim ersten Spiel gegen Usbekistan hatten viele Fans ihre politischen Farben gezeigt. Sowohl in der U-Bahn von Mexiko-Stadt als auch im Aztekenstadion gab es immer wieder gewaltige Sprechchöre von „Petro raus!“. Auf die Nachfrage, ob alle Fans so denken würden, kam von einem Fan eine fast schon selbstironische Antwort: „Petro ist Sozialist. Wer das Geld für ein WM-Ticket hat, wählt sicher nicht sozialistisch.“ Der Fußball – oder besser gesagt, ein Fußballtrikot – war schon in den Wochen vor der WM zu einem Streitpunkt der Wahl geworden. Obwohl er selbst kein Fußballfan ist, hatte der ultrarechte de la Espriella das Nationaltrikot zum Symbol seiner Kampagne gemacht. Er trug es nicht nur bei jeder Gelegenheit, sondern ermunterte auch seine Unterstützer, im Trikot zum Wahllokal zu gehen.
Streit um das Nationaltrikot und politische Auswirkungen
Wie einst Jair Bolsonaro in Brasilien löste er damit einen riesigen Streit um die Heiligkeit des Nationalsports aus. Cepeda warf seinem Rivalen vor, das Trikot „gestohlen“ zu haben. Ein Rechtsurteil, das de la Espriella die Nutzung im Wahlkampf untersagte, erlaubte es dem Populisten aber auch, sich als Opfer darzustellen. Inwiefern diese Nebenhandlung tatsächlich einen Einfluss auf das knappe Wahlergebnis vom Sonntag hatte, ist eine andere Frage. Klar ist, dass die Politik am Dienstag noch präsent in den Köpfen war. Am Eingang des Stadions trug ein Fan ein Trikot mit den Worten „Espriella Presidente“ und der Nummer „26“ auf dem Rücken. „Ich bin Mexikaner, aber wir unterstützen Kolumbien und vor allem die Rechten“, sagte der Trikotträger. Der einzige gute Linke in Kolumbien sei für ihn der linksfüßige Ex-Bayern-Spieler James Rodríguez.
Mexikos linke Präsidentin verliert Verbündeten
Ganz repräsentativ stand er für sein Land wohl nicht. Mit Claudia Sheinbaum wird Mexiko von einer linken Präsidentin regiert, die nach wie vor sehr hohe Beliebtheitswerte genießt. Mit dem Rechtsruck Kolumbiens hat Sheinbaum jedoch einen wichtigen politischen Verbündeten in der Region verloren. Damit muss sie jetzt umgehen, genau wie die vielen Kolumbianer, die de la Espriella nicht unterstützt haben. „Ich hoffe, dass wir als Land jetzt vereint vorangehen können“, sagte Guerra mit einem traurigen Schulterzucken. „Ich respektiere andere Meinungen und am Ende gewinnt die Demokratie. Als Kolumbianer wünsche ich nur das Beste für mein Land.“



