Mit der Würde in der Politik ist es so eine Sache. Macht ist wichtig, vielleicht das Wichtigste. Werte und Moral treten oft in den Hintergrund. Wer in der politischen Arena kämpft, dem geht es um Kontrolle, Einfluss und ja, auch um das eigene Ego. Die Geschichte ist voller Beispiele, die bestätigen: Was wollen Menschen mit Macht? Mehr Macht.
Donald Trump ist ein gutes Beispiel. Doch bei dem narzisstisch veranlagten US-Präsidenten geht es um eine zweite Frage: Was wollen Menschen mit Aufmerksamkeit? Mehr Aufmerksamkeit. Im präsidentiellen System des Landes gibt es beide Dinge im Überfluss. Fast alles ist auf den Staatschef zugeschnitten. Wer im Weißen Haus regiert, kann das Land mit seiner exekutiven Macht formen. Stellt ein Präsident das Wohl des Landes vor sein eigenes, handelt er zum Vorteil der Amerikanerinnen und Amerikaner. Nicht umsonst wird der US-Regierungssitz auch als „The People’s House“ bezeichnet, als Haus des Volkes.
Der aktuelle Staatschef formt nicht, er verformt. Nicht sich selbst, sondern das Land, die Hauptstadt und das Weiße Haus. Wer sich aktuelle Fotos des weltberühmten Gebäudes anschaut, der erkennt vor allem zwei Dinge: eine gigantische Baugrube und eine riesige, jahrmarktähnliche Stahlkonstruktion. Das Weiße Haus verschwindet beinahe. Für Menschen, die den Vereinigten Staaten mit einem weiten Herzen begegnen, ist der Anblick schwer zu ertragen.
Donald Trump und die Würde des Präsidentenamtes
Das geht spätestens jetzt nicht mehr zusammen. Der Zustand seines Amtssitzes ist dafür eine Metapher. Fangen wir mit dem Ostflügel an: Im November ließ Trump, trotz eines vorherigen Dementis, den alten Gebäudeteil abreißen, um einen pompösen Ballsaal (inklusive darunterliegendem Bunker) zu errichten. Ob es so kommt, wird vor Gericht entschieden. Bis dahin prägen Schutt und Baukräne das Bild. Der Präsident wird 80 und will feiern: Unter der „Klaue“ sollen am Wochenende Mixed-Martial-Arts-Kämpfe stattfinden.
Und dann: die „Klaue“. Diese 600 Kilogramm schwere Konstruktion soll am Wochenende im Mittelpunkt des landesweiten Interesses stehen. Am Sonntag wird Trump 80 Jahre alt und dort, unter diesem martialischen Gebilde, soll der Höhepunkt der Feierlichkeiten begangen werden. Schon jetzt ist klar: Der Präsident ist im wahrsten Sinne des Wortes auf Blut aus. Denn in der „Klaue“ sollen von der Organisation Ultimate Fighting Championship (UFC) ausgetragene Käfigkämpfe stattfinden. Den Athleten in der Disziplin Mixed Martial Arts ist nahezu alles erlaubt, um den Gegner zu bezwingen. Anfang des Monats reichte die Organisation Public Integrity Project Klage gegen die Kämpfe ein. Die Begründung: Hier spielt Korruption eine Rolle. Ausgang: ungewiss. Die Zeit spielt für den stets gewinnorientierten Milliardär.
Größenwahnsinniges Spektakel nach Las-Vegas-Art
Trump hält an seinem Plan eisern fest: Er will sich mit einem größenwahnsinnigen Spektakel nach Las-Vegas-Art selbst feiern. Die Probleme im eigenen Land ignoriert er. Über die deutlich gestiegene Inflation in den Vereinigten Staaten sagte er: „Ich liebe die Inflation.“ Wer hier einen Bezug zu Fakten sucht, der muss viel Zeit investieren. Trumps egozentrische Politik ist nicht neu, die Welt weiß seit seiner ersten Amtszeit, wie er als Staatschef agiert. Und was für ihn besonders wichtig ist: sein eigener Name, seine eigene Marke.
Unvergessen, wie Trump am 19. Dezember 2025 das Kennedy Center in der US-Hauptstadt um seinen Namen ergänzte. Die Wut über so viel Dreistigkeit war enorm – und löste sich erst Ende Mai auf, als ein Bundesgericht den neuen Namen einkassierte. Muss wieder weg: Die Namensergänzung des Kennedy Centers in der US-Hauptstadt war laut Gerichtsbeschluss nicht legal.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Mann im Oval Office sitzt, der frei nach dem Motto agiert: „Probieren kann man es ja mal.“ Dieser laienhafte Angang ist für einen Präsidenten nicht nur würdelos, er bringt auch einen drastischen Autoritätsverlust mit sich. Das zeigt der Iran-Krieg: In der Nacht auf Freitag kündigte Trump ein baldiges Rahmenabkommen mit Teheran an, um den Krieg zu beenden. „Wir haben gerade eine großartige Einigung erzielt“, sagte der Republikaner zu Journalisten im Weißen Haus. Das Problem: Das hatte er schon mehrere Male behauptet, der US-Sender CNN zählte bis Mittwoch 38 Mal. Nun kommt eben Nummer 39 dazu. Probieren kann man es ja mal.
Für einen Post auf seiner Plattform Truth Social mag das alles reichen. Dort hat Trump noch das Publikum, das ihn bewundert und ihn für solche vollmundigen Aussagen feiert. Wer nicht durch die knallrote Maga-Brille auf den Präsidenten und seine Ausgestaltung des Amtes blickt, muss entgeistert die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen. Im Jahr 2026 scheint Trump sich mehr denn je von der politischen Realität entkoppelt zu haben.
Die Tatsache, dass Trump bereits seit mehr als fünf Jahren Präsident ist, macht es nicht besser. Wer Gefahr läuft, sich an seine Entgleisungen zu gewöhnen, wird in regelmäßigen Abständen eines Besseren belehrt. Erst vor einigen Tagen brach der noch 79-Jährige vor laufender Kamera wütend ein NBC-Interview ab. Der Grund: Die vor ihm sitzende Journalistin Kristen Welker wollte Trumps Verschwörungserzählungen nicht glauben. „Sie sind korrupt“, entgegnete der Präsident, schob ein „Danke, Liebes. Alles Gute“ hinterher und verschwand.
Das Ergebnis dieser Entwicklung lässt sich am Wochenende betrachten, wenn es im UFC-Käfig auf dem Gelände des Weißen Hauses mehrere Kämpfe mit tobenden Zuschauern vor historischer Kulisse geben wird. Die Bilder des Spektakels, die um die Welt gehen werden, könnten den endgültigen Abschied vom alten Amerika mit einer an Werten ausgerichteten Politik symbolisieren. Diese Zäsur kommt ohne Würde daher, dafür aber mit viel Blut.



