Der Yuan ist nach Einschätzung von Ökonomen um bis zu 30 Prozent unterbewertet. Dies hat verheerende Folgen für die europäische Industrie, argumentieren der US-Ökonom Brad Setser und der deutsche Volkswirt Jürgen Matthes in einem Gastbeitrag. Sie fordern, dass die EU mit breit wirkenden Ausgleichszöllen reagiert.
Yuan-Unterbewertung laut IWF-Methode
Chinas Währung dürfte aktuell um bis zu 30 Prozent unter ihrem fairen Wert liegen. Das ergibt sich aus einer anerkannten Schätzmethode des Internationalen Währungsfonds (IWF). Eine Währung gilt als unterbewertet, wenn der Leistungsbilanzüberschuss eines Landes höher ist als das Niveau, das der IWF für das Land als „normal“ einschätzt. Bei einem Leistungsbilanzüberschuss verkauft ein Land per Saldo mehr Waren und Dienstleistungen an das Ausland und erhält von dort mehr Einkommen.
Chinas Leistungsbilanzüberschuss stieg im vergangenen Jahr deutlich auf rund 735 Milliarden US-Dollar – das entspricht 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Gemäß der IWF-Methodik ist der Yuan damit um schätzungsweise 19 Prozent unterbewertet. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die deutsche und die europäische Wirtschaft. Zumal der wahre Überschuss in der Leistungsbilanz sogar noch größer sein dürfte als von Chinas Behörden gemeldet. Die Ökonomen gehen davon aus, dass er eher bei etwa fünf Prozent des BIP liegt. Auf dieser Basis ergibt sich eine Unterbewertung des Yuan von etwa 30 Prozent. Der Grund für diese Annahme sind relevante Ungereimtheiten in den verschiedenen chinesischen Statistiken zur Leistungsbilanz und zum Außenhandel.
Billiger Yuan als Turbo für Chinas Exporte
Die Unterbewertung von Chinas Währung, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat, ist dafür verantwortlich, dass China seitdem weltweit Exportmarktanteile auf Kosten anderer Länder gewinnt. Dagegen stagniert der chinesische Import weitgehend und entwickelt sich sogar schwächer als die chinesische Binnennachfrage. Es passiert also genau das, was man bei einer starken Unterbewertung erwarten würde: Die Exporte steigen stark, weil sie künstlich verbilligt sind, und die Importe entwickeln sich schwach, auch weil sie währungsbedingt zu teuer sind.
Europa und Deutschland bekommen die Unterbewertung auch im bilateralen Handel mit China voll zu spüren – das deutsche Handelsbilanzdefizit explodierte auf rund 90 Milliarden Euro. Auch das des Euroraums stieg sehr stark und hat sich seit 2020 weit mehr als verdoppelt. Dahinter stehen ungewöhnlich stark steigende Preise in Deutschland: In den Jahren 2021 und 2022 stiegen die industriellen Erzeugerpreise zeitweise sogar um über 50 Prozent – erst wegen Engpässen in den Lieferketten und dann durch die Energiekrise.
Dieser massive und nicht selbst verschuldete Kostenschock traf Deutschland hart, China dagegen deutlich weniger. Die Folge: Im Vergleich zu Anfang 2020 sind deutsche Industrieprodukte heute um knapp 40 Prozent teurer als chinesische, wenn man auch die Entwicklung der Wechselkurse von Euro und Yuan berücksichtigt. Wie zu erwarten, kaufen wir deshalb deutlich mehr in China ein und China weniger bei uns.
Deutschland bleibt auf dem Kostennachteil sitzen
Was bedeutet das für den Währungsmarkt? Unter dem Strich wird viel mehr Yuan nachgefragt, um die höheren Nettoimporte zu bezahlen. Und was mehr nachgefragt wird, muss im Preis steigen. Doch statt zu steigen, hat der Yuan sogar noch leicht abgewertet. Das zeigt: China lässt den Markt nicht wirken, sondern steuert seine Währung auf sehr undurchsichtige Weise – vor allem mithilfe der Staatsbanken statt nur über die Zentralbank.
Die Deutsche Bundesbank hat gezeigt, dass es beim Blick auf die wichtigsten deutschen Exportmärkte seit 2019 einen klaren Zusammenhang zwischen Chinas Gewinnen und unseren Verlusten gibt. Teils ist das sicher fairer Wettbewerb, denn China ist besser geworden. Doch neben der Unterbewertung verzerrt China auch mit Subventionen den Wettbewerb. Laut OECD sind rund 60 Prozent von Chinas globalen Marktanteilsgewinnen zwischen 2005 und 2023 auf die im internationalen Vergleich sehr hohen chinesischen Industriesubventionen zurückzuführen. Dabei erfasst die OECD nicht mal alle Fördermaßnahmen. Rechnet man zu den Subventionen noch die staatlich gesteuerte Yuan-Unterbewertung, bleibt an fairen Gründen für Chinas Weltmarkterfolg nicht allzu viel übrig.
EU sollte mit Ausgleichszöllen reagieren
Es ist höchste Zeit, dass die EU reagiert. Sie sollte mit breit wirkenden Ausgleichszöllen (nur) die unfairen Wettbewerbsverzerrungen adressieren, um wieder gleiche Wettbewerbsbedingungen für beide Seiten herzustellen. Zölle sollten zudem nur für Importe aus China gelten, die europäische Produktion bedrohen. Ausgleichszölle sind kein Protektionismus und haben nichts mit Trumpscher Willkür zu tun. Vielmehr sind sie ein Instrument der Ordnungs- und Wettbewerbspolitik. Da es keine starke globale Weltwettbewerbsbehörde gibt, die chinesische Wettbewerbsverzerrungen unterbinden würde, sind Ausgleichszölle ein wettbewerbspolitisches Ersatzinstrument.



